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Kolumne
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WOZ vom 12.8.2010
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Herber Verlust
Liebe Linke, der Rücktritt von Bundesrat Hans-Rudolf Merz (HRMN 3,55 -19,1%) ist nicht nur lustig. Er bedeutet möglicherweise das Ende meines satirischen Schaffens. Berater von McKinsey (MCKN 21,55 -4,54%), die meine Zeichnerstube durchleuchteten, um mich an die Börse zu bringen, stellten ein enor mes Klumpenrisiko in meinem Cartoonsortiment fest. Praktisch 75 Prozent der Witzzeichnungen der letzten zwei Jahre hatten in irgend einer Form mit Hans-Rudolf Merz zu tun. Sei es Gaddafi, sei es UBS, sei es Finanzkrise. Sogar bei Zeichnungen zum Ölleck im Golf von Mexiko konnten die McKinsey-Leute Verbindungen zu Merz ausmachen (Merz spielt ab und zu Golf). Nicht mal Zeichnungen zu Obama sind frei von Merz (Obama ist auch Politiker).
Kurz: Es drehte sich alles um Merz. Zeitweise drehte sich gar die Erde nicht mehr um ihre eigene Achse, sondern um den unscheinbar wirkenden Schweizer Bundesrat.
Ich muss mir Gedanken machen, wie ich beruflich weiterfahren soll. Bin ich bald arbeitslos?
Ich bin unglücklich über die Aufstellung von Karin Keller-Sutter und Johann Schneider-Ammann (die beide mit ihrem zweiten Nachnamen versuchen, vom guten Ruf unbescholtener Schweizer Sportler zu profitieren, nämlich von Alain Sutter und Simon Ammann). Natürlich ist Frau Keller-Sutter ein Dorn in den Augen der Linken und wird die WOZ-Redaktion beschäftigen. Aber sie hat sich viel zu stark unter Kontrolle, als dass sie satirisch brauchbar wäre, und passt so gut zu dem bereits im Gremium sitzenden Bundesrat aus der Westschweiz, dessen Name mir nie einfällt, obwohl ich vor dem Internet sitze. Johann Schneider-Ammann schlägt wohl auch keine Purzelbäume, sondern macht seine Arbeit so korrekt und still wie einst die Bundesräte Johann Jakob Scherer und Wilhelm Matthias Naeff im 19. Jahrhundert.
Ich bin nicht interessiert an einer Stabilisierung des Bundesrats. Ein in aller Stille zusammenarbeitendes Gremium ist für einen Witzzeichner wie ins Meer sprudelndes Öl für Tony Hayward oder eine Loveparade für Adolf Sauerland: Es ist eine wahnsinnig schwierige Situation.
Mein Wunschbundesrat lautet: Alfred Heer, Mike Shiva sowie Christoph und Gerhard Blocher (als schweizerische Ausgabe der Radau zwillinge Kaczynski). Zu einem guten Team gehören auch einige noch einzubürgernde lebhafte AusländerInnen: Eva Herman, Mahmud Ahmadinedschad und Hugo Chávez. (Alternativ wäre auch das Trio Amy Winehouse, Sarah Palin und Guido Westerwelle einzufliegen.) In einem solchen Bundesrat würde sehr schnell eine Massenpanik mit unabsehbaren Folgen ausbrechen.
Widmer Cartoon Associates (WCAN 29,23 +17,29%) hätte plötzlich volle Auftragsbücher, feixende MitarbeiterInnen, im Sekundentakt stumpf werdende Bleistifte und würde an der Börse endlich zu Google und Apple aufschliessen. Menschen würden vor dem gläsernen W-Cartoonshop an der Fifth Avenue in Manhattan übernachten, nur weil gerade ein neuer Witz mit dem ollen Schweizer Bundesrat erhältlich ist.
Möge aus meiner stillen Schreib- und Zeichnungsstube ein ratternder Betrieb mit Hunderten von Angestellten werden!
Liebe NationalrätInnen, schaffen Sie Arbeitsplätze in der wichtigen Cartoonbranche und wählen Sie dieses Jahr auf keinen Fall sogenannt integrative PolitikerInnen wie Karin Keller-Sutter, Johann Schneider-Ammann, Jacqueline Fehr oder Simonetta Sommaruga.
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WOZ vom 3.6.2010
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Golf von Mexiko: Terroranschlag?
Das auslaufende Öl im Golf von Mexiko ist beunruhigend. Auch für Manager und Angestellte von BP. Wird BP die Katastrophe überleben? Ich sage Ja. Denn ich bin von der Firma BP beauftragt worden, den Fokus von der Firma BP wegzuverlagern.
In der Diskussion um Top Kill oder Golfbälle ist, selbst im Internet, noch nie die Frage aufgeworfen worden, ob das Ereignis einen kleinkriminellen oder gar terroristischen Hintergrund hat. Es ist meine Pflicht, als Erster diese Optionen ins Spiel zu bringen, denn es gibt Fakten, die darauf hindeuten. Die Nichtexistenz der terroristischen These in Presse und Internet ist an sich schon eine drückende Beweislast.
Für eine kleinkriminelle Tat spricht: Kurz vor der Explosion am 20. April 2010 soll es auf der modernen und bestausgerüsteten Plattform Deepwater Horizon einen Streit gegeben haben. Wann kann es auf einer Bohrinsel einen Streit geben? Zum Beispiel, wenn die Crew zusammen einen DVD-Film schauen will. Ich selber bin im Besitz mehrerer DVD-Filme, bei denen im Abspann vermerkt ist, es sei verboten, diese DVD auf Bohrinseln abzuspielen. Das hat etwas mit Regionalcode 8 (internationale Gewässer) zu tun. Der Streit hat wohl damit begonnen, dass ein Angestellter der Crew den Film trotzdem schauen wollte, während die Mehrheit sich an die Vorschrift halten wollte. Dar auf zog der BP-Angestellte, weil er privat nicht umgehen kann mit Konflikten, einen Molotowcocktail aus der Tasche und schmiss ihn gegen den Rest der Crew. Alles explodierte. Eine Explosion des Hasses. Vergessen wir nicht: Am 20. April 2010 jährte sich das Schulmassaker von Columbine zum elften Mal. Elf ist zudem ein französischer Mineralölkonzern. Es ist für BP genauso schwierig wie für jede andere Firma der Welt, Geisteskranke - möglicherweise von Umweltorganisationen eingeschleust - zu erkennen und unschädlich zu machen.
Die Argumente für einen terroristischen Anschlag grösserer Tragweite sind indes noch erstaunlicher: Das Unglück ereignete sich am 20. April 2010. Genau 12 Jahre davor, am 20. April 1998, erklärte in Köln die Rote Armee Fraktion (RAF) nach 28 Jahren ihre Selbstauflösung. (12 + 20 - 28 = 4. British Petroleum Deepwater Horizon = 4 Worte!) Und, weiter zurückliegend: «Der Polarforscher Gunnerius Ingvald Isachsen entdeckt am 20. April 1900 auf einer Expedition eine unbekannte Insel im Polarmeer und nannte sie Amund-Ringnes-Insel», weiss Wikipedia. Das Wort «Expedition» hat eine auffällige klangliche Ähnlichkeit mit dem Wort «Explosion».
Die Bohrinsel Deepwater Horizon war vor der Katastrophe ausserhalb des BP-Konzerns genauso unbekannt wie die Ringnes-Insel damals. Weder Obama (fragen Sie ihn!) noch ich noch sonst jemand wusste von der Existenz von Deepwater Horizon. Geheimhaltung ist eine Kernkompetenz von BP. Und: Polarforscher sind verdächtig, weil sie die globale Erwärmung als Tatsache verkaufen und die Erdölkonzerne dafür verantwortlich machen. Das entscheidende Argument? Am 20. April hatte Adolf Hitler Geburtstag.
Der 20. April ist für böse Mächte ein heiliges Datum. Hat al-Kaida ihr Höhlensystem Tora Bora bis in den Golf von Mexiko erweitert? Haben überlebende Nazis, die im Erdinnern wohnen, am 20. April die unbekannte (Bohr-)Insel Deepwater Horizon von unten entdeckt und in die Luft gesprengt, um der britischen Firma BP zu schaden?
Bitte diesen Text auf dem Internet verbreiten.
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WOZ vom 6.5.2010
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Ein Tag im Leben
Ich heisse Ivana Sredic. Ich bin Putzfrau, stolze Putzfrau. Ich stehe jeden Morgen um sechs Uhr auf. Das muss so sein, denn Cédric, mein fünfjähriger Mischlingsrüde, will raus. Hoch über dem Zürichsee blinzle ich in die Morgensonne. Ich habe keinen Mann mehr, für was auch. Ich hatte schon mal einen. Ich wurde mit ihm verheiratet, als ich siebzehn war. In Bosnien. Vor achtzehn Jahren kamen wir in die Schweiz, als Flüchtlinge. Kaum waren wir hier, ging es bergab mit ihm. Er soff und prügelte mich. Ich war finanziell auf meinen Mann angewiesen und arrangierte mich mit der Situation. Er verschwand eines Tages nach Bosnien. Ich hörte nie mehr was von ihm. Ich war am Ende. Aber anderereits auch erleichtert. Ich fand eine Stelle als Putzfrau, zuerst in einem Schulhaus, später bei der Credit Suisse. Aber das ist lange her. Lange vor Cédric.
Wenn ich um halb sieben zurück bin, gehts in den Fitnessraum, und dann schwimme ich noch fünfzehn Längen im Pool. Ich habe mir ein Anwesen gekauft. Cédric hat mir viel geholfen. Nach dem Frühstück und dem Check der neuesten Reinigungstrends auf den einschlägigen Websites fahre ich mit dem BMW M5 nach Zürich. Ja, ich habe drei Autos. Und ein Haus. Und ich wohne – jetzt kommts – in Wollerau. Meine Nachbarn dachten, ich hätte das Geld aus Drogengeschäften. Eine Jugo mit Haus, Pool und teuren Autos, das sieht doch ziemlich nach Sozialhilfeschmarotzertum aus. Das finde ich im Übrigen selbst. Seit ich bei der SVP mitmache.
Die Skyline von Zürich erscheint, und ich steuere ins Parkhaus der Credit Suisse beim Paradeplatz. Ich gehe zum Eingang des Reinigungsdienstes. Dort hänge ich meinen Nerzmantel ins Kästchen. Diensttenue ist angesagt. Um 10 Uhr beginnt meine Arbeit. Ich putze am Hauptsitz bis 19 Uhr, eine halbe Stunde Mittagspause. Alles wird jeden Tag gestaubsaugt, gebohnert, glanzgerieben. Obwohl am Tag vorher bereits geputzt wurde. Es ist harte Arbeit, aber sie wird gut entschädigt. Ich verdiene im Jahr 5,9 Millionen Franken. Seit dem Januar 2012. Als ich 2007 bei der CS begann, verdiente ich acht Franken die Stunde. Bis Cédric kam – er ist mein Held. Ich habe meinen Hund nach ihm benannt. Heute verdiene ich nur noch zwölfmal weniger als unser CEO Brady Dougan. Dank Cédric Wermuth, der Juso und der 1:12-Initiative. Die untersten Lohnempfänger der CS, also Reinigungspersonal oder Callcenter-MitarbeiterInnen, verdienen nun fast so viel wie Teile des obersten Kaders. Statt alle Löhne anzupassen, setzte die CS nur die tiefsten Löhne auf ein 1:12-Verhältnis zu Dougans Lohn. Das ist schlecht für die, die dazwischen waren. Die mittleren Kaderleute fordern jetzt rückwirkende Lohnsenkungen, um hinter das Putzpersonal zu fallen. Damit sie es gesetzlich begründet wieder überholen können. Die normalen Bankangestellten kündigen reihenweise und bewerben sich als Putzpersonal. Aber die können gar nicht putzen. Total ungeschickt sind die! Ich bin eben Profi, und ich habe meinen Lohn verdient. Ich bin als Putzfrau unersetzbar, die CS versucht mich zu halten, Goldman Sachs bezirzt mich. Nach getaner Arbeit gehts noch mit Arbeitskolleginnen auf ein Cüpli ins Saint Germain, dann fahre ich heim und schiebe eine Fertigpizza in den blitzblanken Ofen. Blitzblank – meine Putzfrau ist heute da gewesen. Um 24 Uhr schlafe ich.
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WOZ vom 08. 04. 10
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Telefonieren heute
Unser Söhnchen ergreift seit einiger Zeit wahllos einen Gegenstand, führt ihn ans rechte Ohr und beginnt mit bedeutungsvoller Miene etwas zu plappern. Unser Söhnchen, das bis jetzt weder laufen noch (bis auf bereits einige erfreuliche Laute vom Bauernhof) richtige Wörter sagen kann, kann telefonieren. Kürzlich hat er mit einem Stoffbären telefoniert. Aber der Bär war nicht der Gesprächspartner, sondern der Bär war das Telefon. Alles ist Telefon.
Meine Frau hat jetzt ein iPhone. Es wäre aber vermessen zu sagen, des Söhnchens Telefonbegeisterung hätte mit dem iPhone zu tun, denn meine Frau telefoniert mit dem iPhone praktisch nicht, sondern sie schreibt E-Mails und hat so ein Gitarren-Stimmgerät heruntergeladen und spielt jetzt praktisch Gitarre mit dem iPhone. Die Gitarre ist das Telefon. Alles ist Telefon.
Die elterliche Angst, zu viel vor dem Kind mit dem Handy zu telefonieren und ein Handy-Kid heranzuzüchten, ist unnötig. Denn wir haben ja auch ein Funktelefon am Festanschluss. Wir haben nirgends ein Telefon mit einem Hörer und einer Gabel und einem Kabel, geschweige denn einer Wählscheibe. Noch immer verkauft die Spielzeugfirma Fisher-Price bedenkenlos ein Telefon mit Gesicht auf Rädern, einer Wählscheibe und einem Hörer. Die Kinder sitzen dann darum herum und wissen gar nicht, was das für ein Gegenstand sein soll. (Notabene wird dieses bereits seit meiner eigenen Kindheit erhältliche Gerät nur noch mit einem lächerlich kurzen Kabel verkauft, wegen Strangulationsgefahr. Ein weiterer Grund, auch im Kinderzimmer auf die drahtlose Telefonie umzustellen.)
Unser Söhnchen hat jetzt ein rotes drahtloses Kinderblinkpiepstelefon bekommen statt des blöden Fisher-Price-Telefons. Nachdem es damit herumgepiepst hat, begann es erneut, mit Bleistiftetuis, Turnschuhen und Plastikenten zu telefonieren, auch wenn die Swisscom das nicht gerne sieht. Die Swisscom hat ja schon genug Kunden an die Skype-Telefonie (Internet, gratis) verloren. Wenn jetzt noch das Söhnchen mit seiner Bärentelefonie den Markt betritt, dann platzt wohl CEO Carsten Schloter endgültig der Kragen.
Das Fisher-Price-Telefon beschäftigt mich. Es könnte mit ihm nämlich durchaus so sein wie mit der Dampflokomotive. Diese hat sich auch in die Gene der Menschheit eingepflanzt. Jede Kindergärtnerin zeichnet mit den Kindern, wenn sie einen Zug zeichnet, eine Dampflokomotive, obwohl kaum ein heutiges Kind je eine Dampflokomotive gesehen hat. Auch die Kindergärtnerin kennt die Dampflokomotive nur, weil sie sie in «Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer» gesehen hat.
Das Telefon mit der Wählscheibe, das Fisher-Price immer noch anbietet, ist und bleibt das Sinnbild für Telefon, auch wenn es in der Gegenwart nicht mehr existiert. Indianer haben bei den Kindern auch immer noch Federn auf dem Kopf und reiten auf Pferden. Dabei hängen heutige Indianer in Bars herum und sind oft Alkoholiker. Kinder zeichnen Räuber immer noch mit rauchender Pistole und Filzhut, obwohl diese heute aussehen wie Brady Dougan. Auch Neandertaler werden heute noch so gezeichnet, wie sie damals ausgesehen haben, obwohl ein heutiges Kind von ihnen nur noch Carl Hirschmann kennt, der ja praktisch wie wir alle aussieht. Katholische Priester werden immer noch mit Kleidern gezeichnet, obwohl sie diese heute praktisch nicht mehr brauchen.
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WOZ vom 11. 02. 2010
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Bremsen für den Geschmack
Ich überquerte am letzten Freitag einen Fussgängerstreifen, und ein Auto hielt an. Ich musste lachen, solcherlei ist nämlich nicht selbstverständlich, denn es war ein Toyota. Der Fahrer lächelte ebenfalls, vermutlich mehr meinetwegen als wegen seines Toyotas. Ich selber lenke ja ab und zu auch einen Toyota, es ist aber eines jener bremsbaren Modelle vor 2005 und nicht ein Toyota Yaris «Kamikaze Edition» oder wie die alle jetzt unfreiwillig heissen.
Toyota galt bislang als zuverlässige Marke. Es galt allerdings lange als stillos, japanische Autos zu steuern. Reisschüsseln nannte man sie. Das hat sich geändert, seit die Stilpolizei der Grafiker oder Architekten ihre stilvollen Porsche 911 und Saab 900 in der Garage stehen lassen, weil auch sie weniger verdienen. Der japanische Kleinwagen gilt deshalb jetzt als geschmackvoll.
Ein umso unverständlicheres Bild bot sich mir, als ich vor der Migros ein beiderseits sehr gedrungenes und ausgesprochen ungepflegtes älteres Ehepaar beobachtete, das von einem brandneuen schwarzen scheibengetönten Audi-irgendwas-Sport-Utility-Vehicle im wahrsten Sinne des Wortes herunterkletterte. Das Gefährt war etwa so gross wie die Dreizimmerwohnung, in der das Paar vermutlich haust. Das fand nun nicht nur die Stilpolizei, sondern auch ich geschmacklos.
Und ich begann über Geschmack, Stil und deren Losigkeit nachzudenken. Meine Frau sagte mir, sie sehe im Coop oft Kassiererinnen, die sehr ungepflegt sind, aber top gepimpte Fingernägel mit aufgeklebtem silbrigem Krimskrams haben. So wie das gesamte Ersparte beim Ehepaar in diesen schwarzen Audi floss, tragen diese Kassiererinnen die Hälfte ihres Zahltages in eines der überall aus dem Boden schiessenden Nailstudios. Das Geld für den Coiffeur ist damit verjubelt, jenes für gesunde Esswaren sowieso. Zwei Dinge, die das Gesamtbild harmonisieren, also die Stillosigkeit verringern würden.
Im konsumistischen 21. Jahrhundert. ist die Gefahr, stillos zu werden, viel grösser als beispielsweise im 19. Jahrhundert. Damals war man froh, wenn man irgendeinen Fetzen fand, der einen vor Kälte und Elend schützte. Ein Obdachloser kann nicht geschmacklos sein, weil seine Ausrüstung seiner Situation entspricht und die vermeintliche Stillosigkeit eine Folge fremden und nicht eigenen Einflusses ist.
Hat jemand hingegen Geld übrig, ist die Gefahr, in die Geschmacklosigkeit abzurutschen, immens: Es lauern an allen Ecken Garagen mit zu grossen Autos und Laufmeter mit zu engen Kleidern. Ein silbern/pink verperlter Nailstudiofingernagel kann aber von seiner Stillosigkeit befreit werden, wenn die zerzauste Dame die Erkenntnis hat, sich ihren Fingernägeln anzupassen und sich silbern/pink zu kleiden. Sie ist dann nicht mehr stillos, aber immer noch geschmacklos.
Das Bankgeheimnis ist stillos, weil seine Absichten raffgierig sind, diese Absichten aber versteckt werden hinter staatstragenden schweren barocken Vorhängen. Steuerhinterzieher sind geschmacklos, weil ihr Einsatz für den Staat in keiner Weise dem entspricht, was sie vom Staat erwarten.
Für jene, die den Unterschied zwischen Stillosigkeit und Geschmacklosigkeit während des Lesens nicht richtig verstanden haben (wie der Autor selber auch), folgende Erklärung: Es ist ungefähr der gleiche wie der zwischen Steuerbetrug und Steuerhinterziehung.
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Auf Facebook
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WOZ vom 5.3.2009
Medientagebuch. Von Ruedi Widmer
Rapper Chuck D von Public Enemy sagte zirka 20 v. Oba., Rap sei das CNN der Schwarzen. Heute kann man sagen, Facebook ist das CNN der durchschnittlichen Schweizer Mittellandbewohner Innen. Facebook hat eine mobilisierende Dimension, die nicht mal mehr die Parteien besitzen. Wenn alles, was in Facebook AnhängerInnen findet, umgesetzt würde, sähe die Schweiz ganz anders aus. Jasmin Hutter hätte einen andersartigen Mund (Gruppe: «Ich könnte Jasmin Hutter pausenlos die Fresse polieren», 679 Mitglieder); die UBS würde allen Boni auszahlen (Gruppe: «Ich will auch Boni von der UBS!», 586 Mitglieder); die UBS würde andererseits mit Hellebarden und Mordsgeschrei die Welt zurückerobern (Gruppe: «Pro UBS»; «Wir wollen wieder an die Spitze! UBS = CH = UBS!», 1466 Mitglieder); Bundesrat Merz würde gleich achtfach zurücktreten (mehrere Gruppen, unter anderem «lee scratch perry king of swiss confédération», «Beschreibung: Lee Scratch Perry kick the Hans-Rudolf Merz ass», 28 Mitglieder); es würde überall getanzt und Geschirr zertrümmert (Gruppe: «Saublöd tanzen und dabei Geschirr von den Tischen hin unterreissen», 51 Mitglieder).
Mit grösserem Elan als eine Nationalratskommission arbeitet man bei Facebook an der Abschaffung der Billag. Es gibt dazu rund ein Dutzend Gruppen, und bei einer (2 Mitglieder) ist man auch noch gegen die Cablecom: «Gemeinsam gegen die mafia um unsere gelder zurück zu fordern! Meldet eüch und wir machen dampf und vieleicht klagen wir gemeinsam gegen cablecom. Ort: Gossau, Switzerland».
In den hintersten Chrächen muckst das Volk auf. Facebook ersetzt die Dorfbeiz, den «Beobachter», die SVP. Aber eben, wenn alle schreien, hört man nicht mehr zu. Man ist bei Facebook auch immer ein bisschen bei allen Leuten gleichzeitig im ungelüfteten Wohnzimmer. So etwas konnten früher nur TV-Ansagerinnen und Nachrichtensprecher.
Wenn man von etwas Fan ist, dann wird man in Facebook Fan, also zum Beispiel von allen Bands, die man gut findet. Man ist dann Fan von Teenage Fanclub, aber man liest dann nicht, was die anderen Fans schreiben, denn man ist ja auch noch Fan von Animal Collective, Pet Shop Boys, Erwin Wurm, SVP («Svensk VinProvning - Göteborgs coolaste vinklubb») … Man hat doch gar keine Zeit. Man uriniert einfach wie ein räudiger Köter überall ein bisschen hin. Man schaut etwa (Zwischenbemerkung: mit «man» bin natürlich ich gemeint) noch schnell, ob ein anderer aus dem Netzwerk «Switzerland» auch Fan von Musiksachen wie Momus, Erdmöbel oder MC 900 Feet Jesus ist, bei denen man das Gefühl hat, es inter essiere niemanden sonst, und siehe, es gibt noch zwei andere, dort vier, und in Japan, Ecuador und Greece auch noch jemanden. «S Totemügerli» von Franz Hohler ist auch da zum Anfanen, die wunderbaren polnischen «Mumins»-Trickfilme auch …
Nach ein paar Facebook-Wochen ist der Spass gegessen. Wenn man so weit ist, aus Übermut George W. Bush anzufreunden, sollte man aufhören. Blöde Gruppen gründen ist das Einzige, was mich noch interessiert. Neben der oben erwähnten UBS-Boni-Gruppe und der Tanzgruppe manage ich auch noch kleine Gruppen, die zum Beispiel Fan sind vom alten ABM-Plastiksack mit den orangen und roten Punkten. Aber seit mich nur noch Leute anfreunden, die ich nicht kenne, ist die anfängliche Euphorie weggeblasen.
Es soll viele Menschen geben, die Facebook ganz gesittet benützen, so wie Grossmutter früher das Telefon auf dem Kästchen mit dem Häkeldeckchen. Bei denen steht im Profil der genaue Ausbildungshergang, sie sind einzig Fan von einem Autotypen (ihrem) und von der Region, wo sie aufgewachsen sind. Sie haben vierzehn Freunde, die sie auch wirklich kennen, die aber nie etwas auf die Pinnwand schreiben. Wenn mal ein Unwetter kommt, dann kontaktiert man einander per «Nachricht».
Diese Leute bewundere ich. Sie sind nicht geschwätzig, narzisstisch und Fan von jedem Mist, sondern sie leben bereits die hundsnormale Zukunft: Sie nehmen Facebook nur ab, wenn wirklich jemand dran ist.
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Der Sohn, der neue Mensch
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WOZ vom 12.11.2009
«Carl Hirschmann, Playboy, Sohn, Unternehmer, Vielredner», titelt der «Tages-Anzeiger».
Es sind die Zeiten der Söhne. Carl Hirschmann, Jean Sarkozy, Hannibal Gaddafi. Sie verhalten sich auffallend. Auch Hans-Rudolf Merz, der ja ebenfalls, man denkt kaum daran, Sohn eines eigenen Vaters ist.
Sohn ist man in der öffentlichen Wahrnehmung erst, wenn der Vater bekannt ist. Deshalb ist Hans-Rudolf Merz kein Sohn, wie dies Hannibal Gaddafi ist. Auch Matthias Hüppi nicht, oder Jay-Z, oder Brad Pitt. Wir kennen ihre Väter nicht. Sind sie also Söhne?
Wir kennen Merz’ Vater nicht. Merz selber aber kennt ihn. Das heisst, Merz befindet sich gleichzeitig in zwei Zuständen. Als Sohn, aber auch einfach als Mann. In der Quantenphysik spricht man von der quantenhaften Schwebung. Während ein Teilchen in der klassischen Physik nur entweder viel Energie oder wenig Energie haben kann, kann es in der Quantenphysik beide Zustände gleichzeitig einnehmen. Das bekannte Gedankenexperiment «Schrödingers Katze» des Physikers Erwin Schrödinger beschreibt dieses Phänomen anschaulich.
Ich schreibe den vorangegangenen Abschnitt vor allem, weil mich kürzlich eine Mail erreicht hat, in der ein Herr schreibt, er habe noch nie einen grösseren Mist gelesen als meine Minarettkolumne in der WOZ. Ich will beweisen, dass er nicht recht hat, indem ich einen noch grösseren Mist schreibe.
Zurück zu den Söhnen. (Ob man Sohn ist oder nicht, gilt natürlich auch für Töchter.) Julian Lennon ist so stark Sohn, dass es ihm wehtut. Ebenso Jakob Dylan (der sich ja auch Zimmerman hätte nennen können. Aber man profitiert dann doch von Vaters Künstlernamen, der einem gleichzeitig schadet).
Es gibt auch Väter, die in unseren Augen keine Väter sind. So ist Hans-Rudolf Merz Vater von drei Söhnen. Weil man diese aber nicht speziell kennt, ist Merz’ Vatersein inexistent. Als Bundesrat wäre er zudem gratis Landesvater, aber dieses Wort las ich noch nie in Zusammenhang mit seinem Namen. Die Väter von Roger Federer oder Michael Jackson sind in erster Linie als Väter von Söhnen bekannt, nicht als Söhne.
Was ist mit meinem Sohn? Wird man sagen, er sei der Sohn von mir, oder sagt man, ich sei der Vater von meinem Sohn? Wenn mein Sohn sein Leben so meistert, wie die Lebenserwartungszahlen für die Schweiz es voraussagen, wird er den Beginn des 22. Jahrhundert erleben - ein unheimlicher Gedanke.
Seltsam ist auch die Vorstellung, dass der US-Präsident von 2046 bereits auf der Welt ist. Er selber weiss von seinem Glück noch nichts, vielleicht ist er erst Schüler in der Unterstufe. Wir wissen es aber schon. Wir wissen also mehr über ihn als er. Ich erspare Ihnen eine Theorie der Quantenphysik, die dieses Paradox verständlicher machen kann.
Es gibt ein Tortoise-Album, das «Millions now living will never die» heisst. Möglich, dass sich diese Aussage als richtig erweisen wird. Die Biotechnologie schläft nicht. Man ist dann als Urururenkel an Feste von Urururgrossvätern eingeladen.
Aber ebenso unheimlich ist, dass niemand von 1900 heute noch lebt, ausser ein paar wenigen Methusalemen. Die Schweizer Bevölkerung ist seit 1900 in der Gänze ausgetauscht worden. Wir leben noch immer in den gleichen Städten, teilweise den gleichen Häusern, aber wir sind andere Menschen.
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Clash Of Uncivilizations
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WOZ vom 11.6.09
Ich komme aus Italien mit dem Auto in der Raststätte Chiasso-Coldrerio Est an. Das Söhnchen quengelt, die fahrende Frau muss es füttern. Ich, hinten sitzend, habe immer noch das ausgesprochen lustige Interview von Roger Schawinski mit Christoph Meili im Ohr, welches ich als Podcast per iPod angehört habe („alle Banken werden zu einer Zentralbank fusionieren, der wir dann Steuern zahlen müssen“). Meilis Ausführungen vermischen sich in meinem Kopf mit dem Inhalt meines Urlaubbuches. 13 Jahre zu spät habe ich „Clash Of Civilizations“ von Samuel P. Huntington gelesen, ganz interessant. 2009 müssten wir schon gegen China zu Kriege ziehen, aber wir haben ja gar keine Zeit für solche Streiche.
Es steht noch viel schlimmer um den Westen, als Huntington schrieb. Sagte nicht der andere Doyen der politischen Analyse, Christoph Meili, im Podcast, in den USA seien die Leute nur noch nett zueinander, damit sie nicht verhaftet werden? Egal, ich muss jetzt aufs WC.
Chiasso-Coldrerio Est. Zu viele Menschen in zu grossen Autos. Eine Krisensituation. Ein Clash Of Uncivilizations. Hier sollte man die Leute verhaften, denn sie sind gar nicht nett zueinander. Zu Hunderten belagern sie Essensausgaben, treten sich auf die Füsse und drängeln vor den Toiletten. Ich muss sofort eine Kabine haben, es drückt seit Parma. Bei anderen drückt es seit Bologna, seit Turin, seit Bergamo. Hyänengleich stehen sie vor den drei Türen im seichelnden Männer-WC, bis, wie bei einem Adventskalender, die Bescherung herauskommt: Ein entleerter Klient (sagen die Toilettenbetreiber eigentlich Klient, Kunde, Benützer, Benetzer?), dem der Gedanke ins Gesicht geschrieben steht, der Nächste meine, die Pfütze am Boden, die dicke Luft und der nicht recht hinuntergespülte Gaggi sei von ihm, dabei war es schon vorher so.
Ein sehr dicker, schwitzender Hüne mit einem roten Schweizerkreuzshirt, das sich über seinen Wanst spannt, flucht heftig, weil ihm stets eine der Hyänen die Kabine wegschnappt. Der Mann, mit seinem umgeschnallten Rückenpolster offensichtlich schneller zu Töff als zu Fuss, ruft, als ich in eine freie Toilette treten will, „Jetzt gopferteli namal!“. Ich biete dem Zukurzkommenden spontan die Kabine an. „Gönd Sie zerscht.“ „Das isch jetzt wahnsinnig nett!“. Ich komme mir etwa vier Sekunden lang wie ein kleiner Obama vor. „Man kann nicht gegen den Egoismus der Manager wettern, und gleichzeitig anderen die Toilette wegschnappen“, sagt es in mir, und ich finde es hinterher fast schade, es nicht laut gesagt zu haben. Man kann seine Einstellung ändern (unter „Einstellungen“ > „Bearbeiten“ > „Einstellung ändern“).
Die verschwitzten, müden, oftmals deutschen Menschen, die bei den Abfallkübeln Dehnübungen machen, um die nächsten 400 km in ihren „BMW M5“ („Auto Motor Sport“) und „ Audi Q7“ (Ulf Poschardt) heil zu überstehen, kommen mir plötzlich sympathisch vor. Sie sind ganz lieblich, wenn sie einmal aus ihren Brutalowagen ausgestiegen sind. Sie haben krumme Beine. Sie kümmern sich um ihre hungrigen Kinder. Ihnen ist die Welt nicht so egal, wie es scheint, wenn sie mit 160 km/h hinten auffahren und einen überholen. Sie hätten so viel zu sagen wie Christoph Meili, bekommen einfach keine Plattform am Radio. Ihre Plattform ist ihr Auto.
www.radio1.ch/podcasts/doppelpunkt/
(scrollen zu Christoph Meili)
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Gott strafe Steinbrück
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TITANIC, Aprilheft 2009
Mit seiner Bezeichnung der Schweizer als »Käsefußindianer« hat Finanzminister Steinbrück das ganze fade Alpenland in schläfrige Empörung versetzt. Nach Urs Widmer und Thomas Hürlimann äußert sich nun auch RUEDI WIDMER, Korrespondent der TITANIC in Winterthur, zur ewigen Haßliebe der beiden ungleichen Schwesternstaaten.
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Wenn ich in Zürich im Hauptbahnhof am Treffpunkt in der großen Halle stehe, dann höre ich viel Deutsch. Das Deutsch unserer deutschen Angestellten, die sich korrekt und freundlich verhalten. Ich höre aber auch die Schweizer Stimmen, die sich in jedem zweiten Satz um unser nationales Bankgeheimnis sorgen, welches das Herz unseres Fleißes und Wohlstands ist.
Wenn die Schweiz gegen Deutschland Fußball spielt, dann gewinnen immer die Deutschen. Schon mal überlegt, warum das so ist? Weil wir ein Dienstleistungsland sind. Wir nehmen uns mit unseren eigenen Bedürfnissen gerne zurück, sind bescheiden und zuvorkommend – wenn man freundlich ist zu uns. Wir ermöglichen den deutschen Gästen gerne tolle Erlebnisse. Schöne Ferien, schöne Landschaften, schöne Siege im Fußball. Was wir aber nicht haben können, ist, wenn der Deutsche uns in den Spiegelschrank guckt. Herr Steinbrück ist so einer. Der schaut wohl auch bei seinen Freunden in den Spiegelschrank. Aber da getraut er sich nicht, etwas zu sagen. Obwohl die im Spiegelschrank Bargeld horten. Weil seine Freunde halt auch Deutsche sind, die ihm dann laut und frech kommen. Einer der selber austeilt, kann selten einstecken. Außer Geld, das nicht wirklich ihm gehört.
Beim ganzen Bankgeheimnisstreit mit Steinbrück geht eines oft vergessen: Wer nutzt denn das Bankgeheimnis? Etwa die Schweizer? Ein paar vielleicht, aber die meisten haben das Geld wie ich in Steueroasen. Also: Hauptsächlich nutzen es Steinbrücks Landsleute. Vielleicht sogar seine eigenen Freunde, wer weiß das schon.
Dieses Geld, das Steinbrück uns da so erregt wegnehmen will, ist ja nicht sein Geld. Wie kann man sich nur so in etwas reinsteigern? Er wird es sich mit der Hälfte der deutschen Bundesbürger verscherzen, die ihr Geld hierzulande plaziert haben. Mit den Reichen, aber selbst mit Hartz IV-Bezügern. In Deutschland gilt, so bestätigen unsere deutschen Kunden immer wieder: Was man hat, wird außer Landes gebracht. Steinbrück sollte besser abwägen: Soll ich Zoff machen, oder will ich nochmals gewählt werden? Da hat er nun ein Problem. Er hat sich klar für ersteres entschieden. Er wird bei den Wahlen noch auf die Welt kommen. Peinlich, wenn man bedenkt, daß Steinbrück die ganze Farce gegen das Schweizer Bankgeheimnis ursprünglich inszeniert hat, um besser gewählt zu werden.
Steinbrück rechnete damit, daß die Schweiz einknickt. Da hat er sich gewaltig geirrt. Die Deutschen sind es nicht mehr gewohnt, daß man sich Ihnen gleich zu Beginn entgegenstellt. Die Deutschen haben diesbezüglich ihre Nazi-Vergangenheit verarbeitet und komplett abgeschüttelt. Nur ihre lauten Stimmen sind geblieben, aber das ist ein biologisches Problem, kein historisches. Ansonsten sind sie Demokraten geworden und reden stets gerne über Moral. Auch Steinbrück ist unseres Wissens Mitglied einer demokratischen Partei (SPD), die ihre andauernden Niederlagen nicht mit Terroranschlägen quittiert, sondern einfach schweigend zugrunde geht. Eine uns Schweizern eher fremde Einstellung. Ein Fakt ist: Mit Hitler hatten wir es damals einfacher. Natürlich drohte auch er, uns einzunehmen, aber die monetäre Zusammenarbeit war ganz klar geregelt.
Ein kostenloser Rat aus der Schweiz: Ihr Deutschen seid nun einmal bis ins Mark verdemokratisiert. Wir Schweizer hingegen haben die Demokratie nur bis knapp unter die Fettschicht unserer freundlich lächelnden rotbackigen Gesichter wirken lassen. Im Innern stehen wir stramm. Im Innern sind wir national geblieben, im Innern klammern wir uns an unseren Besitzstand, im Innern gibt es keine Regeln, sondern nur den satten Gewinn. Deshalb sind die Linken in der Schweiz auch keine Schweizer, wie unser wichtigstes Presseorgan, der Stammtisch, zu Recht immer wieder verlautbaren läßt. Mit dem Moralzeugs der Deutschen können bei uns auch nur ein paar Linke wie Außenministerin Micheline Calmy-Rey etwas anfangen, diese aber auch nur, wenn sie grad open-minded ist. Sie zieht normalerweise ihr eigenes Ding durch. Da müssen die Deutschen nicht auch noch dreinreden.
Falls Steinbrücks Armee die Grenze überschreiten sollte, dann werden wir Chemie-Ali wiedergebären. Gott wird Blitze auf die kalten Krieger aus dem Norden schicken. Unsere Amokläufer haben sich noch im Griff, nicht wie die ungeduldigen aus Deutschland, die schon vor der Schlacht, schon im Schulalter losgehen. Jeder Zivilist, vom Kind bis zum Greis, wird unser Hoheitsgebiet verteidigen, mit Breilöffel oder Krücke! Unsere Armee, bis vor kurzem noch die größte neben den USA und der UdSSR, wird den Feind in sein Land zurückdrängen. Und beim finalen Gefecht um Berlin wird Herr Steinbrück zitternd in seinem Büro auf und ab gehen, im letzten Moment noch sein blödes Geld heiraten und schließlich, umringt von unseren Soldaten sagen: »Schweizer, es tut mir aufrichtig leid!« Es wird Balsam in den Ohren unserer gedemütigten Nation sein.
Dann darf er sich mit seinem Geld drei Wochen lang im Parkhotel Alpenblick in Grindelwald mit Blick auf Eiger und Jungfrau (Doppelzimmer 210 Euro/Nacht plus Kurtaxe, inkl. Frühstück) von den Strapazen erholen. Wir freuen uns auf Sie, Herr Steinbrück!
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Wiedlisbacher Elite
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WOZ vom 2. April 2009
An der Sekundarschule Wiedlisbach BE wird die Leistung der SchülerInnen angehoben, und zwar mit einem monetären Belohnungssystem («Geld für Noten»). Ausgestrahlt wird der Versuch beim Fernsehmagazin Futura.tv.
Ich habe die Sendung nicht gesehen und erzähle ein wenig, wie es da zu- und hergeht.
Der vierzehnjährige Philipp Müli (alle Namen geändert) aus der 2c war schon im Kindergarten ein Zahlentalent und hat in Mathe und Geometrie bis jetzt 132 Millionen Franken Boni kassiert. Er leistet sich einen Mitarbeiterstab, der für ihn die Hausaufgaben erledigt. Der Stab besteht aus seiner Mutter (Chauffeuse), seinem Vater und zwei einst arbeitslosen ETH-Mathematikern. Seit einigen Monaten nimmt Philipp die beiden Experten auch in den Unterricht mit. Immer öfter sitzen sie auch alleine in der Schulbank, weil Philipp in den USA weilt oder auf den Seychellen, wo er eine Villa besitzt.
Philipp findet es richtig, dass Verantwortung belohnt wird. So müsse er den Piloten seines Privatjets jeweils genug früh informieren, wenn er ihn brauche, weil der einen Hund habe und nicht einfach so weg könne. Ausserdem sind mehrere seiner LehrerInnen auf seinen Geldzustupf zu ihrem mager gewordenen Lohn angewiesen.
Philipp hat Einsitz in der Unterrichtsplanungskommission. So setzt er durch, dass Aufgaben in den Rechnungsprüfungen vorkommen, die nur die beiden ETH-Mathematiker lösen können, damit die gesamten Prüfungsboni ihm zufliessen. Alles andere sei reiner Populismus. Die LehrerInnen, die gegen seinen Einsitz waren, hat er kurzerhand versetzen lassen und sie in einem Interview im Gemeindeblatt als «Neiderinnen» und «Nörgler» bezeichnet.
Sein grösster Widersacher ist Kevin Schwandeli aus der 2b, der zwar bis jetzt ein Drittel weniger Boni ergatterte als Philipp, aber breiter talentiert ist. Neben Frühenglisch und Spätfranzösisch beherrscht er auch Morgensuaheli und Abendchinesisch. Komisch sei nur, sagt Mitschüler Timm Schmid (0,1 Mio.*), dass er bei den Abendchinesischprüfungen jeweils Schlitzaugen habe und auch «irgendwie grösser» sei. Auch im Fussball ist er gut, aber erst, seit er sich von Murat Yakin vertreten lässt. Bei den Mädchen ist er der Held, weil er aussieht wie Jude Law. Gerüchte besagen, dass er wirklich Jude Law ist, und Kevin in Wirklichkeit ganz anders aussehe und sich ohnehin nicht in der Schule blicken lasse, sondern schon lange in Australien wohne. Diese Gerüchte habe aber Philipp Müli in die Welt gesetzt, sagt Sara Sigg aus der 2a (2 Mio.*).
Philipp schlägt seine Gschpänli nicht mehr ab. Neuerdings lässt er abschlagen. «Ich habe zu wenig Zeit. Und man muss abgeben können.» Die Geheimpolizei «Euphrat» hat ihr Domizil im Geräteraum der Turnhalle. Sie patrouilliert mit Holzkeulen von Alder & Eisenhut über den Pausenplatz. «Euphrat» sei nur die Schulaufsicht der Gemeinde, heisst es offiziell. Philipps Banknachbarinnen Priska Jäggli (0,3 Mio.*) und Svetlana Hotz (0,17 Mio.*) sind aber sicher, dass nur Philipp Zugang zum Geräteraum hat. Das seien dumme Kühe, sagt Philipp. Der Turnunterricht findet inzwischen in der Nachbargemeinde statt.
Der Wiedlisbacher Gemeinderat ist begeistert vom Schulversuch. «Früher zogen wir unbrauchbare Herumlungeri heran, heute die Elite von morgen», heisst es auf eine nie gestellte Nachfrage.
*Bonus 2008
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WOZ vom 5.3.09
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Medientagebuch: Facebook
Rapper Chuck D von Public Enemy sagte zirka 20 v. Oba., Rap sei das CNN der Schwarzen. Heute kann man sagen, Facebook ist das CNN der durchschnittlichen Schweizer MittellandbewohnerInnen. Facebook hat eine mobilisierende Dimension, die nicht mal mehr die Parteien besitzen. Wenn alles, was in Facebook AnhängerInnen findet, umgesetzt würde, sähe die Schweiz ganz anders aus. Jasmin Hutter hätte einen andersartigen Mund (Gruppe: «Ich könnte Jasmin Hutter pausenlos die Fresse polieren», 679 Mitglieder); die UBS würde allen Boni auszahlen (Gruppe: «Ich will auch Boni von der UBS!», 586 Mitglieder); die UBS würde andererseits mit Hellebarden und Mordsgeschrei die Welt zurückerobern (Gruppe: «Pro UBS»; «Wir wollen wieder an die Spitze! UBS = CH = UBS!», 1466 Mitglieder); Bundesrat Merz würde gleich achtfach zurücktreten (mehrere Gruppen, unter anderem «lee scratch perry king of swiss confédération», «Beschreibung: Lee Scratch Perry kick the Hans-Rudolf Merz ass», 28 Mitglieder); es würde überall getanzt und Geschirr zertrümmert (Gruppe: «Saublöd tanzen und dabei Geschirr von den Tischen hin unterreissen», 51 Mitglieder).
Mit grösserem Elan als eine Nationalratskommission arbeitet man bei Facebook an der Abschaffung der Billag. Es gibt dazu rund ein Dutzend Gruppen, und bei einer (2 Mitglieder) ist man auch noch gegen die Cablecom: «Gemeinsam gegen die mafia um unsere gelder zurück zu fordern! Meldet eüch und wir machen dampf und vieleicht klagen wir gemeinsam gegen cablecom. Ort: Gossau, Switzerland».
In den hintersten Chrächen muckst das Volk auf. Facebook ersetzt die Dorfbeiz, den «Beobachter», die SVP. Aber eben, wenn alle schreien, hört man nicht mehr zu. Man ist bei Facebook auch immer ein bisschen bei allen Leuten gleichzeitig im ungelüfteten Wohnzimmer. So etwas konnten früher nur TV-Ansagerinnen und Nachrichtensprecher.
Wenn man von etwas Fan ist, dann wird man in Facebook Fan, also zum Beispiel von allen Bands, die man gut findet. Man ist dann Fan von Teenage Fanclub, aber man liest dann nicht, was die anderen Fans schreiben, denn man ist ja auch noch Fan von Animal Collective, Pet Shop Boys, Erwin Wurm, SVP («Svensk VinProvning - Göteborgs coolaste vinklubb») ... Man hat doch gar keine Zeit. Man uriniert einfach wie ein räudiger Köter überall ein bisschen hin. Man schaut etwa (Zwischenbemerkung: mit «man» bin natürlich ich gemeint) noch schnell, ob ein anderer aus dem Netzwerk «Switzerland» auch Fan von Musiksachen wie Momus, Erdmöbel oder MC 900 Feet Jesus ist, bei denen man das Gefühl hat, es interessiere niemanden sonst, und siehe, es gibt noch zwei andere, dort vier, und in Japan, Ecuador und Greece auch noch jemanden. «S Totemügerli» von Franz Hohler ist auch da zum Anfanen, die wunderbaren polnischen «Mumins»-Trickfilme auch ...
Nach ein paar Facebook-Wochen ist der Spass gegessen. Wenn man so weit ist, aus Übermut George W. Bush anzufreunden, sollte man aufhören. Blöde Gruppen gründen ist das Einzige, was mich noch interessiert. Neben der oben erwähnten UBS-Boni-Gruppe und der Tanzgruppe manage ich auch noch kleine Gruppen, die zum Beispiel Fan sind vom alten ABM-Plastiksack mit den orangen und roten Punkten. Aber seit mich nur noch Leute anfreunden, die ich nicht kenne, ist die anfängliche Euphorie weggeblasen.
Es soll viele Menschen geben, die Facebook ganz gesittet benützen, so wie Grossmutter früher das Telefon auf dem Kästchen mit dem Häkeldeckchen. Bei denen steht im Profil der genaue Ausbildungshergang, sie sind einzig Fan von einem Autotypen (ihrem) und von der Region, wo sie aufgewachsen sind. Sie haben vierzehn Freunde, die sie auch wirklich kennen, die aber nie etwas auf die Pinnwand schreiben. Wenn mal ein Unwetter kommt, dann kontaktiert man einander per «Nachricht».
Diese Leute bewundere ich. Sie sind nicht geschwätzig, narzisstisch und Fan von jedem Mist, sondern sie leben bereits die hundsnormale Zukunft: Sie nehmen Facebook nur ab, wenn wirklich jemand dran ist.
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WOZ vom 26.2.09
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Im Bankgeheimnis
Am Wochenende besuchte ich das Bankgeheimnis.
Das Bankgeheimnis A ist vom Paradeplatz aus in hundertfünfzig Meter Tiefe sternförmig angeordnet und mit hunderttausend Diamanten besetzt. Eine funkelnde Pracht, die die Gäste beeindruckt! (Mobutu war so angetan davon, dass man ihm einen der Diamanten verkaufte). Alleine Geheimnis A ist grösser als alle uns bekannten Geheimnisse. Fast hundert Meter tiefer als Nessies Loch und weitaus voluminöser als Yeti. Ausserdem hat es viel mehr Codes als der Da-Vinci-Code. Fast zweitausend Menschen in grünen Overalls leben im Bankgeheimnis, die meisten sind darin geboren worden.
Ein weit verzweigtes unterirdisches Gangnetz führt bis ins Reduit am Gotthard. Darin rollen alte Saurer-LKW, und es gibt einen Eisenbahntunnel vom Paradeplatz aus unter den Oberalppass, in dem die alten grünen Wagen der SBB fahren. Vor fünf Jahren wäre diese Linie beim Bau der Neat beinahe gestreift worden.
Im Kriegsfall hätte man mit der Bahn das ausländische Geld vom Bankgeheimnis ins Reduit verschoben und behalten. Das Bankgeheimnis besitzt sogar Atomwaffen, hat mir ein Goldreiniger gesagt. So habe die Schweiz den Atomwaffensperrvertrag umgehen können, weil ein Geheimnis kein Staat ist.
Vieles, was in der Schweiz oberirdisch verschwunden ist, ist im Bankgeheimnis unten noch vorhanden. So bietet die Swissair Flüge an, wenn auch nur in der riesigen Goldkathedralenhalle vom Paradeplatz unter der Sihl hindurch nach Wiedikon, unter dem ein weiteres gigantisches, hexagonförmiges Geheimnis (B) liegt, das über und über mit Kristallen geschmückt ist. Die Tagesschau wird von Léon Huber gesprochen. Bezahlt wird unter den Angestellten mit den alten Schweizer Noten aus den siebziger Jahren. Der wichtigste Detailhändler ist ABM. Das Geld wird immer noch mit Maga und Floris gewaschen.
Das Bankgeheimnis wird seit den neunziger Jahren räumlich kaum noch ausgebaut. Unter Anleitung der Finma sollte allerdings ein mit Bernstein eingefasster Goldbunker in der Jungfrau entstehen, mit Wohnungen für untergetauchte Diktatoren (dafür wären 12 der 68 Mia. Franken Bundeshilfe gewesen). Daraus wird nun nichts. Ferdinand Marcos wird sich weiterhin mit einer 2 ½-Zimmer-Wohnung in der Nähe des Paradeplatzes begnügen müssen.
Ich hatte den Eindruck, dass man da unten schon längstens auf die Aufhebung vorbereitet ist. Die Sicherheitskräfte jassen, Schäden werden nur notdürftig repariert.
Das Gemüse auf den Auslagen sieht frisch aus. Die Zeit, als sich die Angestellten im Bankgeheimnis von Resten aus den Migros-Restaurants ernährten, sei schon lange vorbei, sagt Peter Ludwig Hotz, der Bereichsleiter A. Marcel Ospel habe „vieles verbessert“. Er habe seine Boni praktisch ausschliesslich dafür aufgewendet, den Arbeitern im Bankgeheimnis eine menschenwürdige Ernährung zu ermöglichen. Die meisten Boni der Bankkader seien unverzüglich in die Verbesserung der sozialen Situation geflossen. Offenbar war Marcel Ospel wie ein Vater für die Leute, die ein Leben lang in der Hitze des Bankgeheimnisses arbeiteten. Hotz verteidigt den einstigen UBS-Chef: „Wie sollte sich Ospel wehren, wenn er als Abzocker beschuldigt wurde. Er durfte ja nicht sagen, wohin das Geld ging“.
Ab März wird das Bankgeheimnis auch der Bevölkerung zugänglich gemacht. Beim Paradeplatz die Rolltreppe hinunterfahren. Eintritt Fr. 25.-, Hunde an die Leine nehmen.
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WOZ vom 15.1.09
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Kunstkacke
Ich stehe an der Kasse im Coop. Schlange, warten, warten. Vor mir türmt ein Kunde Einkäufe auf das Förderband.
Ist es nicht seltsam, ja beinahe krank, dass mich dieser Produkteturm an “Kunst” erinnert? Viel mehr noch, als das Engel-Weihnachtsbild, das über der Kasse hängt und wirklich ein “Bild” ist, das jemand gemalt hat? Die grellen Pamperspackungen, Waschmittelflaschen und bunten Konservendosen rufen in meinem Gehirn sofort abgenütze Kunstkritik-Parolen wie “warholesk”, “Konsum”, “das Publikum sensibilisieren”, “Augen öffnen”, “darauf aufmerksam machen”, “frech”, etc. ab. Dabei kauft der Mann einfach Pampers, weil er zuhause ein Kind hat und es die Verantwortlichen von Coop angebracht finden, dieses Windelprodukt in ihrem Sortiment zu führen.
Wie viele meiner KollegInnen, die mit Journalismus, Popkultur, Gestaltung zu tun haben, bin ich kunstgeschädigt. Total verblendet, von der Realität entfernt. Ich möchte ob dieser Erkenntnis fast kotzen, aber ich kann jetzt nicht, denn kotzen an der Coopkasse könnte von den umstehenden Leuten als Performance gedeutet werden.
Ich habe das hübsch aufgemachte Buch “Die 50 wichtigsten Künstler der Schweiz” auf Weihnachten bekommen. Viele darin schätze ich. Aber ich sah in dem Buch auch sogenannte Objets trouvés oder Readymades. Also hingestellte, zur Kunst gruppierte Gegenstände. Zur Kunst erklärtes Gefundenes. Zur Kunst erhöhte Bilder aus den Medien. Natürlich “unkenntlich” gemacht, “hinterfragt”, “neu interpretiert”. Dabei ist das ganz einfach gestohlen: Diese Gegenstände und Bilder wurden von anderen gestaltet, von Rohrfabrikanten, Pressefotografen, Werbeagenturen, Nippesherstellern aus Shenzen, Kunststoffverarbeitungsunternehmen etc. Das ist DJ-ing, Sampling. Kann geil sein, ok. Aber doch nur für eine Partynacht und nicht für die Ewigkeit!
Vieles was im internationalen Kunstmarkt herumgeboten wird, ist unlustig und dumm. Also Kunstkacke. Nur liegt es immer an den sog. Ungebildeten und Nichtverstehenden, das zu sagen. Nie würde dies das Feuilleton sagen, obwohl man hintenrum massive Kritik hört. Auch im 21. Jahrhundert sagt das Feuilleton immer noch nichts, genau wie der Papst.
Ich sage gerne bei dümmlicher Trend-Kunst, das sieht ja noch schön aus. Aber “schön“ ist in der Kunstkritik leider kein Argument. Ich muss “interessant“, “spannend“, “aufwühlend” etc. sagen, selbst wenn ich es nicht interessant oder spannend oder aufwühlend finde.
Ich gebe zu, in den neunziger Jahren während meiner Grafikausbildung zweimal im Geheimen in Museen randaliert zu haben. Ich und zwei Mitwisser haben Gegenstände einer Installation eines (sehr) bedeutenden Künstlers des 20. Jahrhunderts leicht verschoben. In einer anderen Stadt haben wir auf einem vom gleichen Künstler stammenden Objekt vor den Augen einiger japanischer Touristen unter zustimmendem Murmeln mehrere gefaltete Papierschiffchen placiert.
Gut, unser kultureller Akku war damals noch nicht fertig aufgeladen; wir waren gegen unsere Kunstlehrerin und ergo gegen die gesamte Kunst, die sie als gute Kunst bezeichnete. Schon etwas peinlich.
Und meine ich jetzt, ich sei etwas besseres? Nein. Seit drei Jahren bereite ich mit Sämi Jordi „Die grosse Weltausstellung“ vor, eine gigantomanische Readymade-Schau. Und das Verrückte: Obwohl es so aussieht, ist es keine Kunst. Geduld.
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WOZ vom 20.11.2008
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Eine Fernsehshow im Wallis
In diesen Tagen platzt alles: Die Finanzblase, Sämi Schmids Gallenblase, und wieder mal der Kragen des Architekten Christian Constantin vom FC Gallenblase, äh FC Gallenbasel, äh FC Sion.
Der sich wie ein König gebärdende Präsident des Walliser Super-League-Vereins, der ja Trainer Uli Stielike (D) nach wenigen Tagen wieder geschasst hat, wirft erneut ein schiefes Licht auf das Wallis. Irgendwas stimmt da unten nicht. Wäre der Kanton Wallis (Vaud) wirklich eine Monarchie, müsste man mit Königsmorden im Wochentakt rechnen.
«Das Wallis sucht den König» («Le Valais cherche le roi»), heisst eine erfolgreiche Castingsendung bei Rottu TV. Nicht nur Bundespräsident Pascal Couchepin aus Martigny (Valais) mit seinem hochmonarchischen Gestus ist einer der KandidatInnen, sondern auch Rennfahrer Sepp Blatter aus Brig (Wallis), dem übrigens eine Affinität zum Fussball nachgesagt wird. Weitere Kandidaten sind: Hotelschriftsteller Peter Bodenmann aus Brig (Wallisellen), Hotelakrobat Art Furrer, der Dorfkönig von der Riederalp (Wales), der Freisinger, Rapper und Berufsserbe Oskar Freysinger aus Siders (Wallach). Und Otto G. Loretan, der ehemalige Gemeindekönig von Leukerbad (Wallstreet), der vor Jahren wegen dem Bau gigantischer Sakralbauten eine eigene, lokale Finanzkrise hatte (als die heutigen Finanzkrisler notabene noch in den Windeln lagen), lässt sich als Telefonjasser direkt aus dem Zuchthaus zuschalten. Als Unschuldslamm und Publikumsliebling dient die singende Coiffeusenprinzessin Salome Clausen aus Brig-Glis (Wall-E) teil.
Die KandidatInnen müssen bekannte Monarchen vorregieren. Freysinger z.B. etwas von Kaiser Wilhelm, und Couchepin einen Beschluss von Louis XIV, bei dem er aber weniger das X als vielmehr die IV betont. Art Furrer glänzt mit einer Standpauke von Franz Joseph I, während Salome Clausen eher etwas spielerisches von Franz Carl Weber vorregiert. Dabei wird auf die monarchische Regierungsform geachtet, auf die Regentenstabführung und ob die Krone (SWE) gut sitzt.
In der Jury sitzt natürlich nur Christian «Dieter Bohlen» Constantin der Grosse aus Sion (Vals). Er staucht die munter vorregierenden KandidatInnen vom Jurythron aus derart zusammen, dass alle nach der Sendung durchs Lötschbergloch flüchten. Weil niemand bleibt, übernimmt Roi Christian Constantin einfachhalber gleich selber den Thron. Kaum hat er sich gesetzt, merkt er, dass die ganze Casting-Prozedur ja gar nicht nötig gewesen wäre, denn er war ja schon vorher König.
Die Castingshow ist übrigens nicht zu verwechseln mit der umstrittenen Sendung «Sex mit dem Rex».
Die grossen Viertausender sind verschneit und strahlen weiss im Sonnenlicht. «Das Wallis ist einfach, aber schön», denkt Pirmin Zurbriggen aus Saas Almagell (Wallace) und kurvt mit den Skiern den Hang hinunter. Ihm reicht sein Status als ehemaliger Skikönig. Skikönig (SWE) könnte glatt auch eine Stadt in Schweden sein. Ebenfalls im Saasertal liegt der Stausee Mattmark (SWE). Ingemar Stenmark (SWE) war ja auch aus Schweden. Weitere schwedische Skistars sind: Kjetil Andre Aamodt, Anja Pärson und weitere Personen. Der Saab Almagell (SWE) ist übrigens ein super Auto. Abba warum auch so eine doofe Kolumne? Weil gerade «The King Has Lost His Crown» am Radio läuft.
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WOZ vom 23.10.2008
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Ansprache zur „Neuen Zeit“
Ich glaube, sogar Tiere spüren inzwischen, dass sich in der Menschenwelt einiges dreht. Auch ich empfinde den Ablauf der Zeit anders. Neben persönlichen Neuerungen (ich habe geheiratet, wir erwarten ein Kind, ich habe mein Atelier raus aus Zürich an die blühende Peripherie Winterthur gezügelt) lassen sich ganz viele Paradigmenwechsel feststellen.
Ein Freund von mir, der ehemalige WOZ-Geschäftsleiter Christoph Eschmann, prägte beim gemeinsamen Fonduessen schon am Tag der Abwahl von Bundesrat Blocher den Begriff "Die Neue Zeit". Das ist nicht einfach so schnell dahergeredet, sondern fusst auf einem intensiven Gespür für gesellschaftliche Verschiebungen und Wünsche. Eschmann propagierte bei fünf bis sechs Bier im kleinen Kreis schon Ende der neunziger Jahre mit wilden Handbewegungen den "Abrahamismus", eine Rückbesinnung auf Vater Abraham, um die monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam untereinander zu versöhnen oder gar zu überwinden. Der Begriff existiert, wenn man ihn googelt, aber Ende der neunziger Jahre gab es Google noch nicht. Erst diesen Frühling schlug Eschmann in einem Marseiller Strassencafé beim gemeinsamen heftigen Bierverzehr die "Marseiller Verträge" vor, die die UNO erneuern, die Politik wieder über die Wirtschaft stellen, die Spielregeln internationalisieren sollten. Und in denen er und ich nicht ganz unbedeutende Rollen spielen sollten.
Deshalb verwundert es nicht, dass der Begriff "Die Neue Zeit" in unserem Vokabular einen festen Platz eingenommen hat. Der Tod Haiders, die Finanzkrise, die zunehmende Ächtung primitiver Strassenfahrzeuge, der neue US-Präsident Barack Obama, der Abstieg der SVP, die Renaissance des Staates, das Wiedererstarken des Sinns für soziale Gerechtigkeit: Alles scheint sich am Fahrplan zu orientieren, der während des Fondueessens am 12. Dezember 2007 im Restaurant Mühletal an der Limmatstrasse 257 in Zürich von Eschmann grob vorgezeichnet wurde.
Natürlich kann man sagen, die Zeitungen sind ja voll von Essays, von Deutungen und Analysen. Die einen verkünden, mit der Finanzkrise sei die postmoderne Zeit vorbei, andere wiederum, wir erlebten das Ende der Globalisierung. Natürlich kann man sagen, Christoph Eschmann und ich seien Nachplapperer, deren Manifestationsbedürfnis beim Biergenuss ins Unendliche wächst, genährt von Halbwissen und vom Konsum schon vorgedruckter Theorie. Doch bis jetzt schaffte es niemand, die epochalen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Überwerfungen unter einem Begriff zusammenzufassen. Auch wenn sonst alles anders wird: Die Welt braucht einfache Worte, die retroorientierte Mediengesellschaft lechzt nach Begriffen, die schon heute so legendär klingen wie "Weimarer Republik", "Beatlemania", "68er- Revolte". "Die Neue Zeit" erfüllt diese Vorgaben ideal. Deshalb schneide ich hier das Band für die offizielle Eröffnung der "Neuen Zeit" durch. Nehmen Sie teil, leben und spüren Sie die "Neue Zeit". Gleich anschliessend spielen die Original Brechtaler zum Tanze auf. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend.
PS: Es gibt schon einen christlichen Igitt-Fernsehsender, der "Die Neue Zeit TV" heisst. Fuck Google! Die verderben einem immer den Spass. Wie soll man noch Neues erfinden, wenn Google immer sagt, es gibt schon alles. Google wird in der Neuen Zeit abgeschaltet werden. Das wurde soeben in den "Winterthurer Verträgen" beschlossen.
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WOZ vom 25.9.2008
Botellón: Wie es wirklich war
In Winterthur fand letzten Freitag, gleich um die Ecke wo ich wohne, der erste Botellón statt. Damit ist also exklusiv auch die spanische Alkoholkette in der Stadt vertreten. Erst vor kurzem zog schon der Club of Rome nach Winterthur, eine waghalsige Undergrounddisco mit Legionären und Gladiolen, Radiatoren und Leguanen.
Also rief ich «Hasta la vista», «Lambada» und «Stierkampf» und betrat als erwartungsvoller Zuschauer am Eröffnungstag den Botellón Winterthur. Er befand sich auf der nach oben offenen Steinberggasse. Schon um 22 Uhr brannte ein hohes Feuer zwischen den Häusern. Da werden sicher spanische Nüssli geröstet, dachte ich. Aber es lief schon von Beginn weg alles falsch. An einem Botellón sollte keine laute Punkmusik abgespielt werden. Es ist nicht Disco. Die Athletinnen und Athleten benötigen Ruhe, um konzentriert zu trinken. Und wenn schon, dann stilecht mit Musik der Gipsy Kings.
Die zum Kampf Auftrinkenden bildeten Gruppen, die räumlich voneinander getrennt waren. Ums Feuer die Autonomen, in der Nähe eine Gruppe Tussis, weiter westlich rammelten einige schon deutlich betrunkene Hip-Hopper, daneben linke Studentinnen, Kindergruppen, Festschwestern und sehr aggressive Kampftrinker, die unangeleint und ohne Maulkorb unterwegs waren.
Ich bekam schnell Durst vom Zuschauen. Mich übermannte die Vorstellung, ein Bier schmecke sicher ganz neuartig, wenn es in dieser Umgebung genossen würde. Ich wollte sofort ein Bier. Doch ich wurde schamlos allein gelassen. Weit und breit keine Verpflegungsstände für die Zuschauerinnen und Zuschauer. Keine Festwirtschaft, nichts. Also tat ich selber wie ein Teilnehmer und sass botellóngerecht, wie ich es in einem husch eingerichteten Botellónkurs an der Migros-Clubschule gelernt hatte, auf den Boden des Spielfelds und wartete, bis eine spanische Kellnerin oder ein spanischer Kellner vorbeikam. Nichts geschah. So war ich gezwungen, die fightenden Athletinnen und Athleten im Trinkspiel zu stören und sie zu fragen, ob ich ihnen Bier abkaufen könne. "Muesch halt sälber mitneeh!", hiess es, und andernorts wurde ich angerülpst. Selber mitnehmen - das ist das Letzte, was ich machen würde. An jeder Veranstaltung hat es Verpflegung und Toilette. Sogar an den vielgescholtenen Olympischen Spielen in Peking.
Also ging ich in den Widder, wo man als Gast noch ein Bier bekommt. Der Service am Botellón hatte mich echt enttäuscht. Ich überlegte, ob ich dem «Beobachter» schreiben sollte.
Als ich auf dem Heimweg nochmals durch den Botellón kam, war die Stimmung schon sehr wild. Die Leute waren so betrunken, dass sie ganze Anhänger voll Wodkaflaschen unbeaufsichtigt liessen. «Jetzt sofort zugreifen», ging es mir rachelüstern durch den Kopf. Aber es waren zu viele Zivilpolizisten da, die das Geschehen beobachteten.
Im Feuer brannte Plastik, es stank. TeleZüri filmte den Final. Ich stellte mich auch besoffen und wankte unauffällig durch die Szenerie. Jetzt flogen Flaschen und es hiess, es seien auch Faschos aufgetaucht. Unweigerlich kam mir der spanische Bürgerkrieg in den Sinn, und das tröstete mich etwas darüber hinweg, dass ich die schweizerische Auslegung der spanischen Atmosphäre und Gastfreundschaft sehr unzureichend fand. Zuhause setzte ich mich zu meiner Corazon, kaute spanische Nüssli und hörte Franco Fernando.
An alle Facebook-LeserInnen: Der nächste Botellón findet übrigens auf der Wall Street statt.
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WOZ vom 6.3.2008
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Einmal die UBS führen
Open Source. Das klingt gut. Das ist Kreativität, Fortschritt und Demokratie. Das ist Auflehnung von unten gegen Monopole.
Wer die Randnotizen im Wirtschaftsteil liest, stösst mitunter auf Open-Source-Nachrichten, die anders daherkommen. Zum Beispiel entwickelt Hummer seinen neuen Hummer von Design-Studenten. Auch andere Grossfirmen lassen Produkte immer mehr ein bisschen von Usern übers Internet entwickeln. Man sei nahe beim Endverbraucher und erfahre, was die Leute für Produkte wollten, tönt es aus den kreativen Geschäftszentralen. Es ist doch eine Ehre, gratis für die Firma X zu arbeiten. Und Geld ist etwas für Kapitalisten von gestern, nicht für Idealisten von morgen.
Logisch, dass sich da gute Leute aus aller Welt einloggen, mit der Hoffnung, ein wenig Geld zu verdienen. Das Geld aber verdient die Grossfirma, die keine teuren Entwicklerleute einstellen und entlöhnen muss. Die Open-Source-Kreativen bekommen vielleicht eine Pelerine mit Firmenlogo-Aufdruck als Anerkennung für ihre freie Mitarbeit.
Ich sage Nein zu solcher Ausbeutung. Wer für Grossfirmen arbeitet, soll auch etwas verdienen damit.
Ich sage aber Ja zu solcher Ausbeutung, wenn nicht nur Kreativarbeit, sondern auch Managementaufgaben für den kleinen Mann geöffnet würden. Ich fände es gut, wenn man die UBS open source übers Netz führen lassen würde. Jeder könnte mit seiner Maus etwas mitführen, da mal etwas verkaufen, dort neue Leute einstellen. So würde die UBS nicht nach Singapur, sondern vielleicht nach Marokko, Schweden, Estland, Haiti oder Guinea-Bissau verkauft. Man würde natürlich nichts verdienen bei der Open Sourcerei, dafür würde der UBS-Aktienkurs derart umherschiessen, dass CNN rund um die Uhr mit aufgeregter Stimme über die Bank berichten würde.
Jetzt höre ich den Aufschrei, ausgerechnet in der WOZ solche Ausbeutungsarbeit zu promoten. Kein Geld verdienen? Dankbar sein, dass man für die «Super-UBS» arbeiten darf? Frevler! Gut, entgegne ich, wir müssen «Anreize schaffen»: Es gibt für jeden, der mehr als eine Woche mitführt, einen freien Zooeintritt. «Viel zu wenig!», rufen die Gewerkschaften. Ich sage nur: «Liebe Gewerkschaften, IHR seid ja gegen Managerboni. Das habt ihr jetzt davon.» Und schliesslich lernt man in einem solchen Projekt total spannende, total ausgeflippte Leute kennen. Das ist auch wie Geld.
Bei Herzog & De Meuron, der Leni Riefenstahl der Schweizer Architektur, müssen Studenten sogar zahlen, um ein Praktikum zu machen.
Wer Geld will und dafür arbeitet, macht etwas falsch. Nein, er muss nicht illegal Sozialleistungen beziehen. Er muss andere für sich bezahlen lassen. Ich schreibe z.B. online aus: Wer bestimmen will, welche Musik bei mir zuhause läuft, der soll sich bewerben. Kostet Fr. 10.- via PayPal, dafür darf man seine Top-Platten auf meine Website schreiben. Hunderte Männer werden sich bewerben, denn es gibt hunderte Männer, die anderen ihre Musik aufzwängen wollen. Dann wähle ich eine Liste aus, und der Sieger darf seine CDs zusammen mit Fr. 150.- (in Briefmarken) an mich einsenden. Er kann allen sagen: «He, ich definierte mal bei R. Widmer den Sound, also so eine Woche lang, aber immerhin.» Die bewundernden Blicke, die er dafür erhält, das ist wie Geld. Und ich habe das richtige Geld, halt nur in Briefmarken, aber was solls.
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WOZ vom 11.9.08
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Von der Suchmaschine getroffen
Die meisten Leute besuchen meine Website www.ruediwidmer.ch nicht, weil sie Cartoons anschauen wollen, sondern weil sie etwas anderes gesucht haben. Ich kann das in einem Protokoll sehen. Da sind die Stichworte aufgeführt, aufgrund derer jemand von einer Suchmaschine auf meine Seite gelangt. Weil es auf meiner Seite Tausende Worte hat, gibt es Millionen von möglichen Wortkombinationen, bei denen Google irgendwo im Netz meine Seite aufführt. Die meisten haben schön brav "Ruedi Widmer" eingegeben. Oder "Widmer Ruedi". Oder "Widmer Cartoon". Da kann man davon ausgehen, dass diese Leute an den gewünschten Ort gelangt sind.
Nun erwähnte ich mal in der WOZ diese WM-Seitenspiegelüberzüge, und da diese Kolumne auf meiner Website enthalten ist, sind 17 Leute auf meine Seite gelangt, weil sie, wie könnte es anders sein, eine Seite suchten, auf der sie solche Überzüge kaufen können. Das Wort "Seitenspiegelüberzug" ist auf Platz drei der häufigsten Suchmaschinentreffer 2008 bei www.ruediwidmer.ch.
Das vom Autoren geschätzte, inzwischen wegen Besuchermangels leider geschlossene Restaurant „Chässtube" in Winterthur wird offenbar auch von anderen vermisst, denn es wurde achtmal angefragt. Der Offroader unter den Pilzen, der „Wärmepilz“, folgt dicht dahinter.
Natürlich wurden auch haufenweise auf meiner Website erwähnte Personen gegoogelt. Oder sie haben sich selbst gegoogelt.
Irgendwann kommen in der Liste die Suchbegriffe, die nur einmal gestellt wurden. Man sieht da, wie ungeschickt mit Google umgegangen wird. Ganze Sätze werden eingegeben, teilweise gar in Fragestellung. Das führt mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht zum gewünschten Ziel (falls es das überhaupt gibt), sondern endet z.B. eben auf meiner Seite. Hier die Parade der schönsten Suchabfragen:
zeichnungen von lustigen cartoons / wieviel cad unterricht braucht der lehrling / komische vogelhäuser zum selber bauen / Manor Winterthur Drogen / komische sachen / hunzenschwil sex / nachtleben in pjöngjang / zeichnungen gottes hände / zeichnungen von eulen / zeichnungen von socken / probleme hyundai bildschirm rote punkte / man muss denn bildschirm kleiner machen / haarausfall escherwyssplatz zürich / fick party ostschweiz / wärmepilz zu verkaufen / gaddafi beamer shop / erotische torten schweiz zh / habsburger mcdonald`s / leuchtpetarden bestellen / komische gestalten zürich / t shirt audi herr der ringe ... / hat jemand die aufnahmen von der streetparade 04 von sf / ficken in felben / www.ruedi widmers reitstall / vorgetäuschte telefonumfrage / zeichnung kopf im arsch / ein sauber volk wird nicht rauchen hitler / ich bin auf dem bundesratsfoto / köpfungsvideo auf handy / youtube finden sie alles nsdap lieder / an was ist er gestorben 2pac und wann / felben sex boy / ein spaziergang durch eine mondnacht schildern / zugverbindung von münchen nach felben-wellhausen ch/und preis$ / ameisen im schulzimmer / faule gott evolution / alternative wärmepilze / für geld jemand zusammenschlagen / gaddafi arschloch / ameisen verkaufen / stromausfall müllheim / kleine rote giftige spinne in berg sg gefunden / wärmepilze, streit / zeichnungen auf den fingernägeln / in unserer familie ficken alle miteinander / zeichnung lehrer haben morgens recht und nachmittags frei / widmer gülle / primitive zeichnungen für word / angela merkel kleider abstimmen bei brisant / ficken dass die balken biegen / audi im schuppen zu verkaufen / nationalsozialisten+pendler
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WOZ vom 7.8.08
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Das schwarze Sommer-Erdloch
Man liest derzeit viel über das Cern in Genf und über den neuen Teilchenbeschleuniger. Manche Randgestalten der physischen Zunft, wie der Chaostheoretiker Otto Rössler, sagen voraus, dass die kleinen schwarzen Löcher, die im Teilchenbeschleuniger entstehen werden, unbemerkt wachsen könnten, und nach ein paar Tagen in Genf die ganze Erde von einem riesigen schwarzen Loch verschluckt werde. Jetzt darf er mit seiner Sorge sogar bei Bundespräsident Couchepin vorsprechen. Die Politik müsse ein solches Ende der Welt verhindern. Vielleicht. Das normale Ende der Welt verhindert die Politik ja nicht.
Ich muss allerdings sagen, so schlimm fände ich ein solches Verschluckungsereignis in Genf nicht, denn es wäre wie die EURO 2008 eine grosse Chance für die Schweiz. Wann gerät man schon mal in ein schwarzes Loch hinein, und das erst noch gratis? Wir werden noch unseren Enkeln davon erzählen. Ich unterstütze diese Sache. Aber nur, wenn man im schwarzen Loch auch anderes Bier als Carlsberg trinken darf.
Das gefährlichere Loch ist das Sommerloch. Darin sind die physikalischen Vorgänge noch unverständlicher. Leider bestreiten praktisch nur Männer das Sommerloch-Programm: Bundesrat und Verteidigungsminister Samuel Schmid, alt Armeechef Roland Nef, Muhammar Gaddafi, Radovan Karadzic, Barak Obama. Sogar der Smog ist männlich, denn der Smog ist ein Meister aus Peking.
Was ist los mit den Frauen? Sind die einfach in die Sommerferien gefahren, ohne etwas zu sagen? Die einzige Frau im Sommerloch war die Ex-Freundin von Roland Nef. Gut, Amy Winehouse brach wieder einmal zusammen und kann froh sein, dass man ihre Masse für die Wachsfigur bei Madame Tussaud’s bereits genommen hat. Und Madonna kommt auch noch vor. Madonna ist ja ein bisschen die Freundin von Sämi Schmid, weil sie ja auf dessen Militärflugplatz in Dübendorf auftreten darf. Ich glaube, Sämi Schmid tritt, wenn schon, erst nach dem Madonna-Konzert zurück. Sämi Schmid wäre dann der Ex-Bundesrat von Madonna. Vielleicht hält nämlich nämlich mit Madonna wieder einmal jemand Sämi Schmid für einen richtigen stolzen Mann, denn nur richtige stolze Männer besitzen eigene Flugplätze. Im Moment ist ja Bundesrat Schmid nicht so beliebt. Böse Zungen behaupten sogar, Schmid wäre wohl fähig gewesen, selbst noch Karadzic zum Armeechef zu ernennen, ohne mit der Wimper zu zucken. Das ist wirklich etwas geschmacklos.
Schon wieder sind wir bei Männern. Zurück zu den Frauen. Warum sind im Sommerloch nicht mehr Frauen vorgekommen? Gut, Frauen werden halt viel weniger oft kriminell als Männer. Das liegt wohl daran, dass sie sich nach Abschluss der kriminellen Handlung keinen Bart wachsen lassen können.
Wahnsinnig, der Bart und diese Haare von Karadzic. Schon bei Saddam war das eindrücklich, aber im Gegensatz zu Saddam arbeitete Karadzic wenigstens etwas und lag nicht nur faul im Erdloch herum und trank anderes Bier als Carlsberg.
Ich will derzeit auch nicht unbedingt einer der tausenden unbescholtenen Bartträger in Belgrad sein. Man sitzt in der Strassenbahn und meint immer, die anderen Leute rufen jetzt dann gleich: "Ha, lächerlich! Mladic, diese Pfeife, der kann den Trick mit dem Bart jetzt doch nicht im Ernst NOCHMALS bringen!“
Hoffentlich verbirgt Sämi Schmid hinter seinem Schnauz nicht auch noch etwas.
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WOZ vom 15.5.08
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Der Uefa geht es nur ums Geld
Landesweite Fasnacht! Jedes Schaufenster ist rot/weiss © dekoriert! Bei einer Fertigsandwichfirma gibts beim Kauf des achten Sandwichs rote ™ Seitenspiegelüberzüge mit Schweizerkreuz © für das Auto. Wer anderes Bier als Carlsberg © trinkt, wird von der Fanmeile © verbannt und von Ordnungsmächten abgeführt.
Das geht zu weit. Liebe Uefa ®, liebe Gewerbler, liebe Werber, das Volk will das nicht. Die Leute wissen inzwischen, wie ein Fussball ™ aussieht (rund, irgendwas mit Schwarz und Weiss). Und sie sind alt genug, um selber Fussballspiele © im Fernsehen anzugucken, ohne «Hilfe» durch Werbung ™.
Die ganze Aufregung um die Euro 2008 ist übertrieben. Also: In der Schweiz werden in vier Stadien insgesamt 15 Spiele à je 90 Minuten (macht 1350 Minuten) gespielt. Vergleichen wir: Die Sexmesse «Extasia 2007» im Hallenstadion dauerte an drei Tagen je sieben, zehn und sechs Stunden (gesamthaft 1380 Minuten). Die «Extasia 2007» dauerte also 30 Minuten länger als die Uefa Euro 2008. Das ist doch erstaunlich. Warum waren 2007 nicht alle Schaufenster in Zürich mit sexuellen Dekorationen verziert? Warum verstopften keine Nackedeis Tram und Bus? Warum hat die Polizei keine betrunkenen und kopulierenden Gruppen an der Grenze abgefangen und zurückgeschickt? Warum kreisten über dem Stadtzentrum nicht anzüglich geformte Zeppeline? Warum gab es auf den Guetzlipackungen keine vibrierenden Gerätschaften zu gewinnen? Weil die oft als primitiv beschimpften Sexleute eben mehr Geschmack haben als die Uefa und besser spüren, wenn eine Überreizung da ist. Weil sie nicht mit Sex den Weltfrieden herbeizwingen wollen. Weil sie nicht pathetisch und grössenwahnsinnig sind und sich selber das Wichtigste finden. Es geht denen mehr um den Spass als ums Geld (evtenuell?) und schon gar nicht um die «Erziehung» der Volksmassen (ausser Domina) wie bei der Uefa und der Fifa.
Selbst das Pilzsammlerwochenende im Thurgau dauert immer noch länger als die 15 Euro-Spiele. Keinem Pilzfreund würde es in den Sinn kommen, Brauereien, Auto- und Unterhaltungselektronikkonzerne anzuschreiben, ob sie die Pilzsuche sponsern möchten.
«Gut», rufen die Uefa-Herren jetzt dazwischen, «Sie rechnen jetzt nur die Fussballspiele in der Schweiz. Es gibt ja noch die in Österreich. Sogar eins mehr, wegen des Finals in Wien.» Egal. Auch wenn sich alle Pilzfreunde in der Schweiz und Österreich zusammenschliessen und eine Superpilzwoche ins Leben rufen würden, würde sich weder ein rechter Sponsor finden lassen, noch würden allerorten finanziell Unbeteiligte auf den Pilztrend aufspringen und auf ihren Produkten Pilz-Preisausschreiben machen. Die Uefa-Herren verstehen nicht. Die Fussballgemeinde aber versteht und zündet Leuchtpetarden. «Genau! Weil es den Pilzfreunden nicht ums Geld, sondern um den Spass geht.» Exakt. Und weil das Leben nicht nur aus Fussball und Geld, sondern auch aus Pilzen besteht.
Ich rufe jede Bürgerin und jeden Bürger der Länder Schweiz und Österreich dazu auf, entschlossen mit Heineken-T-Shirts in die Fanmeilen einzutreten. Man kann solche sicher bei Heineken bestellen (bitte Grund nicht angeben), oder man kann auch selber welche mit «Heineken» beschriften.
PS: Der Verfasser wird weder von Heineken gesponsert, noch findet er Heineken ein gutes Bier.
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WOZ vom 8.9.06
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Die Welt dreht sich weiter
Es schlummern hundertausend Science-Fiction-Szenarien in unseren Video- und Bibliotheken, es gibt hunderte von demografischen Studien, wie Gesellschaften bevölkerungsmässig zu- und abnehmen werden. Es gibt Vorstellungen, welche Technologien auf der Welt in zwanzig Jahren möglich sind. Das Ende des Ölzeitalters ist gefühlsmässig morgen Nachmittag um drei Uhr, dabei geht es so noch viele Jahre weiter.
Weitgehend ausgeschlossen von über die nächste Saison hinausreichenden Zukunftsforschungen ist die Mode, da ihre Mechanismen noch irrationaler sind. Welche Musik ist 2026 angesagt? Elektrochachacha? Pfefferklang? Das getraut sich niemand vorherzusagen.
Obwohl ich kein Wissenschaftler bin, kann ich doch eine ziemlich klare Vorhersage zur Mode machen, aber der Glaubwürdigkeit wegen beschränke ich mich auf eine ganz kleine Spielart der Mode, nämlich die Bezeichnung von Firmen.
Der Aufstieg der Informatikbranche führte ja generell zu meist klein geschriebenen Namen wie web4you, pixelcreation, webcreative, netfactory, websolutions etc. Dann gab es vor einigen Jahren die Gegenwelle, alles deutsch zu machen und das Jungvolk befestigte an seinen umgenutzen Fabrikhallen Schilder mit Wortlauten wie Grafikwerk, Web.Werk.Statt, FormWerk etc.
Irgendwann (eigentlich schon heute) lacht man darüber, so wie man vor einiger Zeit über Hch. Müller & Söhne Gartenarbeiten und Abholzungen gehöhnt hat (die Firma wurde natürlich in den neunziger Jahren von einer Werbeagentur in MüllerGarten. Die GrünProfis. umgetauft). Oder noch früher über Johannes Zumbrunn & Cie. ehem. Gebrüder Häusler oder Diggelin Kolonialwaren und Drogen.
Werden uns unsere Kinder wegen diesen CreAktiv4you-Namen verspotten? Natürlich. Sie werden kichern und die Nase rümpfen. Sie werden sich diese Logos auf ihre Ironie-T-Shirts drucken und damit in angesagten Schuppen punkten. Sie werden das, sagen wir mal, maximus finden. Lateinisch wird 2026 der letzte Schrei im Jugendslang sein.
Wenn Webdesign mal so unsexy wie eine Metzgerei ist, dann wird es im Dorf GANZ NORMALE Webpraxen mit GANZ NORMALEN Namen geben: Larissa Zimmermann & Tochter, Internethilfe. Hinter dem Tresen steht eine dicke Frau mit Schürze und sagt: »Adresse? Problem?«. Man antwortet: »Diverse Bilder auf www.ruediwidmer.ch/australien_sommer_ 2025.php« sind von Spassvögeln auf den Kopf gedreht worden; könnten Sie diese nicht bitte wieder wenden?« »Wieviele Megabyte sinds?« Bei 50 MB ist’s um halb drei fertig, bei 100 MB um halb fünf. Wenn man mit Kindern kommt, gibts für diese je ein Rädchen Memorystick.
Beim rausgehen klingelt die Ladentür. Auf der Strasse hat es vor allem alte Menschen, die noch uralte iPods herumtragen. Die Jugend ist überschaubar. Die Tochter von Larissa Zimmermann gilt als stier, weil sie in einem Internetladen arbeitet. Streetstyle 2026 sind Ritterrüstungen und Steckenpferde. Die Jugend macht auf medieval. Sie imitiert die Karolinger und Habsburger. Sie besetzt Burgen und Schlösser. Im TV kommt zwar Werbung für McDonalds-Habsburger, aber die Jungen essen Selbstgejagtes in ihren Burgen. Und die Alten sind vor dem Internet eingeschlafen.
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WOZ vom 25.10.07
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Verweilzeit verlängern mit Persil-Wärmepilz
Allenthalben ist zu lesen, die SVP gewinne und die SP verliere, weil es der Schweiz konjunkturell so gut gehe. Die Frage drängt sich auf, weshalb denn Hitlers NSDAP in dem Moment reüssierte, als es Deutschland schlecht ging? Hätte Hitler wohl im deutschen Wirtschaftswunder der fünfziger Jahre viel mehr Zustimmung gefunden (wenn er nicht schon gestorben wäre)? Vielleicht ist die SVP etwas ganz eigenes, wie ein Pilz, der auch keine Pflanze ist.
Wirklich? Im Gegensatz zu den Politologen, die mit ihren Telefonumfragen stets danebenliegen, hörte ich während des Wahlkampfs, was in der Beiz statt am Telefon gesagt wurde. (Wer sagt denn am Telefon dem Claude Longchamp schon, was er wirklich denkt? Der sieht ja die Nummer!). Kurz vor den Wahlen im Bahnhofbuffet Winterthur: Zwei verstruppelte werktägliche Frühschöppeler mit je einem goldenen Bier vor sich auf dem Tisch, 8 Uhr morgens: A: »Wa wählsch am Sunntig?« B: »Das säg ich doch Dir nöd!« A: »Ja, hoffentli de Blocher!« B: »Ja, scho.« A: »Jetzt isch Glägeheit, d’Usländer us em Land z'rüere! Jetzt rumed mer uf! « B: »Bevor d'Kommunischte d'Macht übernämed. « A: »Ja, d’SP, das sind die Schlimmschte! Di fuule Sieche uf em Sozialamt höred scho am Föifi uuf schaffe.« Die beiden werden das schon wissen. Ich mischte mich nicht ein.
Die Macht in Deutschland übernahmen dieser Tage die Nichtraucher. Sie schicken einem auch vor die Tür in die Kälte. Da stehen jetzt überall solche Wärmepilze, unter denen sich das Rauchvolk versammelt. Die Industrie preist ihr Gerät so an: »Der Wärmepilz ist ideal für die Aussengastronomie zur Verlängerung der Verweilzeiten«. Diese verlängerten Verweilzeiten sind ziemlich cool. Das Strassenbild Deutschlands sei von einem Tag auf den andern mediterran geworden, sagte mir ein schlotternder Kollege.
Es ist im Grunde seltsam, weshalb diese Rauchergesetze ausgerechnet in einer Zeit eingeführt werden, in welcher der Klimawandel selbst Angela Merkel beunruhigt. Immerhin blieb dieses CO2 vorher schön in den Tapeten und Teppichen, den Hemden und Schals, den Mänteln und Lungen der Passivraucher hängen. Jetzt geht alles ungefiltert in die Luft. Wie viele Tonnen zusätzliches CO2 diese Wärmepilzraucher wohl verursachen? Und das Gas für die Pilzbefeuerung erst!
Niemandem ist bis jetzt aufgefallen, wem das Rauchverbot in geschlossenen Räumen nebst unserem Klima noch schadet. Der Waschmittelindustrie. Bis jetzt mussten die stinkenden Kleider halt einfach gewaschen werden, nun kann man sie ein paar Tage länger tragen. Persil und Ariel werden wohl bald Wärmepilze bauen, um ihre absackenden Umsätze aufzufangen. »Verweilzeit verlängern mit Persil-Wärmepilz.« Das klingt wie ein Inserattext aus dem deutschen Wirtschaftswunder der fünfziger Jahre (ohne Hitler).
Die Lösung liegt sowieso in Nanotech. Die neuartigen Oberflächen im Nanometerbereich (das ist etwa eine Haarbreite geteilt durch die Anzahl Galaxien im Weltall oder so etwas) bringen demnächst Kleider, die man gar nie mehr waschen muss. Die den Schmutz abperlen lassen. Nanotech könnte auch das Rauchproblem lösen: Einen Innenlungenmantel aus Karbon oder so, bei dem der Teer gar nicht erst andocken kann, sondern irgendwie hinausgeschissen wird, wie anderes Essen auch. Nanotech wird vielleicht eines Tages gar das Rauchen ohne Zigarette ermöglichen.
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WOZ vom 27.09.07
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Der Freisetzer
«Hier drin sind rote Ameisen», sagt Heinz Benasotti und zieht eine lange Schublade aus einem drei Meter hohen Metallschrank. «Da steckt der Treibstoff meines Lebens drin.»
Dieses Leben begann vor zwölf Jahren, in Rheineck SG, im Dorfpub Trafalgar. Da war Heinz Benasotti, damals Verkäufer im Coop, oft. Das Pub war bekannt dafür, dass die apathische Wirtin seit dreissig Jahren nichts erneuert hatte. Entsprechend gelangweilt sassen abgestumpfte Altrocker auf den Hockern. «Da muss mal etwas gehen», dachte Benasotti. Und ihm kam die Idee, ein Waldameisenvolk in einem Tupperwaregefäss ins Pub zu tragen. Als er unbeobachtet war, schüttete er den Inhalt unter eine Eckbank. Im Halbdunkel des verrauchten Raums fiel das Gekrabbel noch nicht auf. Heinz bezahlte sein Bier und verliess das Pub. Er kam sich vor wie ein Terrorist.
Von einem Freund hörte er am nächsten Tag, wie sich die Wirtin vor den Ameisen in Sicherheit bringen musste. Sie sei über die Tische gehüpft, habe geflucht und wild her umgefuchtelt. Die Tierchen hätten sich in allen Räumen ausgebreitet. Schliesslich nahm sie den Staubsauger. Sie brauchte drei Stunden.
Doch der Vorfall wurde zum Gesprächsthema im Tal, und neugierige Leute strömten ins «Trafalgar». Sie blieben, tranken und begannen, «Ameisen, Ameisen!» zu skandieren. Es hatte noch nie so viele Gäste im Pub. «Ich war vielleicht etwas eitel», sagt Benasotti, «aber ich war ja für den Erfolg des Pubs verantwortlich.» Deswegen sprach er eines Abends die Wirtin auf die Ameisengeschichte an. Er bekannte sich als Schöpfer der Aktion. Es vergingen peinliche Minuten. «Und dann kam sie mit der Idee. Ich solle es wieder tun.»
Zwischen 1995 und 1998 war Heinz Benasotti Freisetzer im Pub. Er hatte den gleichen Status wie der DJ und die Barkeeper. Das «Trafalgar» wurde Kult. «Immer eine Stunde vor Schluss, um ein Uhr, liess ich die Ameisen frei.» Die Gäste liessen sich bekrabbeln, legten sich auf den Boden, zogen sich gar aus. Das wurde zur Mutprobe.
Heute beauftragen Weltkonzerne wie General Motors, Dolce & Gabbana oder Emirate Airlines Heinz Benasotti für Freisetzungen an ihren Anlässen. Bei der Vorstellung eines Cadillac-Modells an der Dubai Auto Show setzte Benasotti gegen 10 000 Stechmücken frei. Das Eventpublikum war begeistert. Die Stiche konnten an der Bar verarztet werden, dazu gab es trendige Gratisdrinks. «Es ist alles anders geworden. Klar, ich geniesse die Shows, aber manchmal macht es mich etwas traurig, dass sich niemand mehr ekelt.» Das Subversive sei verschwunden, es sei so normal geworden. Da gab es eine umjubelte Freisetzung von 500 Blindschleichen in einem Passagierflugzeug, und die Leute hatten nicht mal Angst vor einem Absturz. Natürlich gebe es immer noch gute Szenen: Eine Freisetzung von Keller asseln bei der Eröffnung eines Multiplexkinos wurde zum Fiasko, da die Tiere die Sprinkleranlagen auslös ten. Die Freisetzung von Holzwürmern bei der Eröffnung eines Klavierhauses in Biel wiederum führte zu massiven Schäden an den Instrumenten. «Da war ich aber nicht selber schuld. Der Inhaber wollte eine Freisetzungsshow und wünschte sich Holzwürmer. Seine Klaviere seien aus Holz, und der Holzwurm passe da \'vom Thema her\' ausgezeichnet.»
Heinz Benasotti schliesst die Ameisenschublade wieder und öffnet eine mit Heerscharen kleiner Spinnen. Er müsse die heute noch an einer Party freisetzen.
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WOZ vom 06. 09. 07
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Die Kopierer
Die besten Kopierer kommen nicht mehr von Canon oder Minolta, sondern von China. Im Gegensatz zu den japanischen Geräten sind sie aus Fleisch und nicht mehr aus Kunststoff. Sie stehen schon zu Tausenden in den Betrieben Europas, getarnt als Austauschstudenten oder Angestellte. Von der KP China mit frisierten Arbeitszeugnissen ausgestattet. Es sind Menschen.
Sie kopieren hemmungslos CAD-Dateien von Deutschland direkt auf die Fräsmaschinen im Reich der Mitte. Sie mailen Terrabytes von Geschäftsgeheimnissen in ihr Heimatland. Sie bauen den Smart fast 1:1 nach. In den Werkshallen stehen die ersten fertigen Flugzeuge, die der amerikanischen DC-9 zum Verwechseln ähnlich sehen. Die Politiker und die Wirtschaftsleute regen sich fürchterlich auf darüber. Sie reihen Klage an Klage. Das mit dem Geldmachen in China neigt sich dem Ende zu. Jetzt machen die Chinesen Geld.
Die Gier der westlichen Eliten rächt sich jetzt. Ihnen war egal, dass da immer noch ein kommunistisches Regime an der Macht war. Es gab sich doch so kapitalistisch, dass man es übersah. Und für die Linke bedeutete China nur noch Menschenrechtsverletzungen. Es war kein Hoffnungsträger mehr. Dabei müssten heute Demonstranten mit Mao-Bildern durch die Bahnhofstrasse laufen und nicht 1968! Die KP China siegt und siegt. Sie ist die mächtigste KP aller Zeiten!
Ich verstehe die Furcht, die sich derzeit in den hiesigen Führungsetagen ausbreitet. Was, wenn die Chinesen auch meine Cartoons kopieren wollen? Ich habe in der Statistik gesehen, dass im August mehrere Male folgende Person auf meiner Website war:
person: sun ying
address: fu xing men nei da jie 97, Xicheng District
address: Beijing 100800
country: CN
phone: +86-10-66030657
Nun gebe ich „Sun Ying“ in Google ein:
Sun Ying - Artist, Art - Sun Ying -
Sun Ying: AskART art price guide for Sun Ying, value art, art appraisal, antique roadshow, art values, ...
www.askart.com/askart/y/sun_ying/sun_ying.aspx - 27k - Im Cache - Ähnliche Seiten
Sun Jun - Wikipedia
So erhob sich 254 Sun Ying, der Marquis von Wu (der Sohn von Sun Quans ältestem Sohn Sun Deng) gegen ihn, und 255 die Prinzessin Sun Xiaohu (dank falscher ...
de.wikipedia.org/wiki/Sun_Jun - 20k - Im Cache - Ähnliche Seiten
Sun-Familie - Wikipedia
Sun Jiao. Sun Yin; Sun Xi; Sun Zi; Sun Yi; Sun Mi. Sun Huan. Sun Cheng; Sun Yi; Sun Feng; eine Tochter (heiratete Lu Ju, den Sohn von Lu Fan) ... Sun Fan, Sun Ying ...
de.wikipedia.org/wiki/Sun-Familie - 19k - Im Cache - Ähnliche Seiten
Aha, Sun Ying ist Künstler. Und erst noch Marquis. Und er lebte im 2. Jhr. Aber Sun Ying hat evtl. seine Einträge bei Wikipedia beschönigt, wie Roger Köppel. Vielleicht ist seine Familie gar nicht so gross. Vielleicht ist Sun Ying ein armer Arbeiter. Aber dann hätte er ja als einfacher chinesischer Volksgenosse gar keinen Zutritt zum Internet.
Ist Sun Ying also doch Artist und der Marquis von Wu? Hat mich die Führung im Visier? Bin auch ich Spionageopfer?
Und wie! Weiter unten kommt folgender Eintrag:
Sun Ying, Abgeordneter des NVK und Sektretär des Parteikomitees der Provinz Gansu, sieht im Bau infrastruktureller Einrichtungen und in der Entwicklung von ...
german.china.org.cn/de-24/24-22.htm - 8k - Im Cache - Ähnliche Seiten
In der Entwicklung von ...?! Was bedeuten die „vielsagenden“ drei Pünktchen? Sicher Cartoons. Sieht Sun Ying also im Bau infrastruktureller Einrichtungen und in der Entwicklung von Cartoons die vordringlichen Aufgaben für seine Provinz?
Wie soll ich reagieren? Via Bern? Oder direkt via Peking? Ich rufe Sun Ying an. Ich habe ja die Nummer. Es nimmt niemand ab. Sehr verdächtig.
Wenn Sie also wieder einen Cartoon von mir in der WOZ sehen, schlecken Sie ihn ab. Wird Ihnen nach drei Minuten übel, ist er nicht von mir, sondern eine giftige chinesische Kopie.
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WOZ vom 28.7.07
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Die Bauern müssen weg
"Die ideologische Förderung des Schienenverkehrs muss ein Ende haben", schreibt die SVP in einem Communiqué, lese ich gerade im Internet.
Ich glaube nicht, dass die Förderung des Schienenverkehrs etwas mit Ideologie zu tun hat. Das Volk hat das nämlich 1987, 1992, 1998 so gewollt.
Man rauft sich die letzten Haare, wenn man an die SP denkt. Alles, was sie derzeit macht, ist zum Scheitern verurteilt. Die SP hätte ja ohne Weiteres vorletzte Woche mal ausrufen können: "Die ideologische Förderung der Strasse muss ein Ende haben." Und zwar genau so. Ganz einfach und deutlich. Aber bevor die SVP so etwas sagt.
Wenn man die SVP reden hört, lenkt sie jede Diskussion grundsätzlich immer auf ihre eigenen paar Propagandasätze.
Die SVP agiert mit einer bewundernswerten Konsequenz. Die SVP ist nur eine Marke. Was sie anbietet, ist egal. Das hat sie der Privatwirtschaft abgeschaut, den vielen Firmen, deren Ausstoss zunehmend nur noch Marketing ist. Besonders im Telefonbereich geht es so zu und her. Aber auch immer mehr in der Schweizerischen Medienlandschaft. Bei der Tamedia, heisst es in der NZZ am Sonntag, werde wohl eine "Abwehrmassnahme" gegen das neue Gratisblatt ".ch" eingeleitet. Vermutlich gibt es nochmals eine Gratiszeitung.
Das Kriegsvokabular zumindest ist richtig. In dieser Art müsste auch die SP gegen die SVP handeln. Sie darf nicht nervös nach Gegenargumenten suchen oder sich gar entsetzen, wenn Ueli Maurer den Mund öffnet, sondern soll einfach aus dem Nichts etwas verkünden. Es spielt keine Rolle, was. Hier ein Beispiel: "Die Bauern müssen weg". Von jetzt an bis im Herbst täglich 3x nach dem Essen wiederholen. Auf allen möglichen Kanälen. Jede SP-PolitikerIn muss die beiden Wörter "Bauern" und "weg" permanent in den Wortschwall einbauen, auch in Diskussionen, wo es z.B. um die IV geht oder um Kulturpolitik.
Natürlich müssen die Bauern nicht weg. Genau so wenig, wie die Invaliden weg müssen. Aber so infiltriert man die Schnellmeldungen der Gratiszeitungen und gelangt über den ausgemergelten Organismus in den Kopf des total fertigen Pendlers. Wenn der S-Bahn-Pendler im Zürichbergtunnel im "Heute" "Bauern weg" liest und nach dem Tunnelende im Grünen auf der Wiese einen Traktor erblickt, dann denkt er bereits: "Dieser Bauer soll weg? Vielleicht etwas krass formuliert, aber warum eigentlich nicht?" Irgendwie gäbe es dann ja ein Problem weniger. Das wirkt befreiend für einen frustrierten Bürolisten. Die Probleme, die es deswegen mehr gäbe, spielen bis zum Wahltag keine Rolle.
Hans-Jürg Fehr soll sich die Kante geben und das Fernsehen hinzubitten, oder Hans-Jürg Fehr soll sich mit den durchgeknallten Kaczynski-Brüdern anlegen, oder Hans-Jürg Fehr soll sich zehn Tage einsperren lassen und dabei grausam toibelen, oder Hans-Jürg Fehr soll auf YouTube ein Köpfungsvideo veröffentlichen.
Hat jemand von den Leuten, die obengenanntes gemacht haben, irgendwelche Anhänger verloren? Sarkozy, Merkel, die Hilton, die Taliban? Nein.
Also, etwas mehr Goebbels bitte, Hans-Jürg Fehr. Sie, liebe LeserIn, denken jetzt garantiert: Ja, warum eigentlich nicht?
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WOZ-Kolumne vom 26.4.07
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Der Kindheitsdiktator
Gestern sah ich "Der letzte König von Schottland" mit dem grandios aufspielenden Forest Whitaker als Ugandas Diktator Idi Amin. Mein Begleiter war noch mehr als ich beeindruckt von dem Film. Er kratzte mit den Fingernägeln auf seinen Oberschenkeln herum, lehnte sich kaum zurück, verhielt sich, als wäre da ein Live-Fussballspiel zu sehen. Er, sieben Jahre älter als ich, bezeichnet Idi Amin als seinen Kindheitsdiktator. Die Verkörperung des Bösen, ein tiefes Faszinosum, permanent genährt durch die Radio-Beromünster-Nachrichten am Familientisch, das ganze Menschenfresszeugs, das Nachspielen und Verarbeiten mit Matchbox-Soldaten, die imaginäre Verwandlung der grossen Wiese hinter dem Haus in eine afrikanische Steppe. Gerade kam ein SMS von ihm: „Vit-amin, K-amin, Idi ist immer noch da.“
Spielplatz, Kasperliplatten, Nachrichtenbilder der Zürcher Jugendunruhen und aus Beirut vermischten sich auch bei mir. Mit etwa neun war ich an einem vermeintlich weltpolitisch bedeutsamen Umsturz beteiliegt, als wir Nachbarskinder in ein benachbartes Schöpfli eindrangen. Bereits Wochen vorher gingen Gerüchte auf dem Spielplatz herum, in dem Schopf sei weiss nicht was. Niemand wusste, wem das Gebäude gehörte. Die Situation war so brisant wie heute das iranische Atomprogramm. Ein Kamerad war tagelang damit beschäftigt, das Schloss aufzubrechen. Als es gelang, wurde der ganze Spielplatz alarmiert und unter mörderischem Geschrei entwickelte sich eine Zerstörungsdynamik, gegen die die jüngsten Aktivitäten im Zürcher Schulhaus Borrweg aussehen wie eine Gummitwist-Partie aus den fünfziger Jahren. Es wurde buchstäblich alles kurz und klein geschlagen: verstaubte Weinflaschen, alte Schellack-Platten, alte Stühle, einfach der ganze Gerümpel. Der Lärm war so ohrenbetäubend, dass die Erwachsenen der Nachbarschaft hurtig ihre Rolle als Weltpolizist einnahmen, aus den Häusern eilten und ihre Kinder an den Ohren nach Hause geleiteten. Für die Rädelsführer gab es sogar ein Nachspiel mit dem Herrn Gemeindepolizist.
Ich, ängstlich und feige, war schon genug früh getürmt, mit einer goldenen Christbaumkugel, die ich zu Hause versteckte.
Mein Pubertätsdiktator war Muammar Gaddafi. Ein Mann, der in einem Zelt wohnte, Terroristen unterstützte und von den USA bombardiert wurde, das konnte nur ein ganz übler Kerl sein. Ich bin auch heute noch belustigt über Gaddafis absurde Flüsse, mit denen er die Wüste fruchtbar machen wollte; würde mich aber nicht mehr hinreissen lassen, für eine Schülerzeitung einen Frontanriss zu schreiben mit dem Titel "Gaddafi spinnt total", was ich als Dreizehnjähriger tat.
Mein Volljährigkeitsdiktator schliesslich wurde mit achtzehn der kuweitüberfallende Saddam Hussein. Obwohl Saddam auch total spinnte, dachte ich differenzierter und hängte mit einem Freund A4-Plakate mit seinem Konterfei an die Tramhäuschen der Bahnhofstrasse. Es waren Regierungsratswahlen im Kanton Zürich und passend dazu stand - was wohl? Natürlich "Saddam Hussein in den Regierungsrat." Wir beobachteten die lesenden Passanten und kicherten so richtig pickelfacemässig.
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WOZ vom 24. 5. 07
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Word!
Ich war gestern am Zürcher Konzert der grossartigen Pet Shop Boys. Das Duo besteht bekanntlich aus dem Sänger Neil Tennant und dem Keyboarder Chris Lowe. Schon seit ihrer Gründung 1983 ist die Aufgabeteilung klar: Tennant singt und ist Conferencier der Show, Lowe steht erstarrt mit Käppi und Sonnenbrille daneben und drückt manchmal etwas auf dem Laptop herum. Lowe verriet einmal in einem Interview, es gäbe nichts Lächerlicheres als ein Keyboarder, der sich rythmisch bewege und mit der Faust in der Luft herumfuchtle. So wie die Gitarre fliegt, steht das Keyboard. Also verhält sich der Bediener gerätgerecht. Chris Lowe übernahm neben Kraftwerk und einigen Synthiewavern eine Pionierrolle im angebracht Hinter-Dem-Keyboard/Laptop-Stehen und definierte damit eine Haltung, die sich lange bewährte und die z.B. vom deutschen Technomusiker Atom Heart in seiner Rolle als Senor Coconut bis zum Exzess getrieben wurde. Bei diesem Projekt spielt eine wilde Latin-Live-Bigband, während der Meister mittendrin auf einem Podestchen unbeweglich und kerzengerade vor einem Laptop steht.
Seit die Laptopmusik normal ist, sieht man bei Technoacts auch richtiges Gerocke und Headgebange hinter dem Bildschirm, was mir persönlich eigentlich insofern gefällt, als es ein Hinweis darauf sein könnte, die performende Person mache auch wirklich irgend etwas, was mit der erklingenden Musik zusammenhängt. Es heisst nämlich von Elektronikmozart Aphex Twin, der sei bei Laptop-Liveauftritten stundenlang für sich am Gamen und lasse einfach einen vorab gefertigten Mix laufen.
Das kommt mir in den Sinn, weil ich heute las, dass die amerikanische Liverpool High School, die früh eine Pionierrolle im computergestützen Unterricht einnahm und für Millionen Laptopgeräte installierte, eine 180 Grad-Kehrtwendung unternahm und alles Computerzeugs aus dem Schulzimmer warf. Schulleiter Tom Davies merkte an, SchülerInnen hätten in den Mathestunden alle drei Folgen von \"Herr der Ringe\" geschaut oder die Geräte dafür benützt, riesige MP3- und Pornolager anzulegen. Die Kinder sind also nicht zu den Genies geworden, die die Pädagogen und die Informatikindustrie vom Himmel herab versprachen.
Diese Nachricht freute mich als in Computerbildung reaktionäre Person ungemein. Es gibt kaum bedauerlicheres, als nervöse Bildungspolitiker, die, weil sie selber nur Word, Powerpoint und Internet-Explorer können, finden, die Jugend müsse möglichst früh an diese komplizierten Dinge herangeführt werden. Dabei ist ein Kind, welches mit Word arbeiten muss, dauerhaft geschädigt, und zwar weil Word ein Müllprogramm ist. Würde das Kind stattdessen Lego bauen, Geschichten anhören, etwas vielleicht Geometrisches malen und Lieder singen, würde es als Erwachsener garantiert ein besseres Programm als Word erfinden. Dazu muss man nämlich nicht herumklicken, sondern richtig denken und kombinieren können.
Man kann jetzt sagen, der Erfinder von Word habe ja als Kind der fünfziger Jahre sicher viel Geometrisches gemalt und viele Lieder gesungen und garantiert nie Pornosammlungen auf Schulcomputern angelegt, und sei doch nicht auf eine bessere Idee als Word gekommen. Das stimmt. Hier beginnt ja bereits das Unerklärliche an Word.
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WOZ vom 11. 01. 07
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Erkenntnis im Rätselfernsehen
Ich bin in einer dieser Rätselsendungen hängengeblieben und zwar richtig lang. Es waren 10 Glühbirnen abgebildet. Auf jeder stand ein Wattwert. Darunter stand "Zähle alle Watt." Mein Resultat war 93. Die anrufenden Unterschichtsfernsehenden gaben ebenfalls diesen Wert durch. Früher war das Durchgeben von Zahlen an einen Fernsehsender allenfalls hoch gebildeten Politjournalisten oder jemandem von der NASA vorbehalten, heute dürfen das alle. Fortschrittlich! Doch 93 war falsch, obwohl es eindeutig richtig sein musste. Die Glühbirnenpräsentatorin (die übrigens stets von "Glühampeln" sprach) zeigte zwischen den Anrufen mal so ihre neue Uhr, dann wieder sprach sie über ihren Haarausfall, durchkämmte die Frisur und zog ausfallende Haare heraus. Bald hätte sie wohl begonnen in der Nase zu bohren. Das Gros der Anrufenden sagte 93. Die Frau verdrehte die Augen. „Es ist nicht 93!“ Nachdem die meines Erachtens richtige 93 tabu war, begannen die verunsicherten Menschen in den Telefonleitungen aus Angst einfach wahllos Zahlen zu raten: "Ich tippe auf 158." oder "Ich nehme 472." Die Präsentatorin schimpfte: "Ihr müsst einfach zusammenzählen. So wie ihr es in der Schule gelernt habt." Immer mehr Leute meldeten sich mit Nachnamen, was darauf schliessen liess, dass wohl auch das Bildungsbürgertum mitrechnete. Alle lagen daneben.
Ganz am Schluss erwog ich sogar, selber anzurufen. Ich hätte nochmals die 93 bestätigt und nicht wie die anderen einfach nichts mehr gesagt, sondern der Glühbirnenfrau Schritt für Schritt erklärt, wie ich mit Zusammenzählen auf 93 komme. Natürlich hätte mich die Sendeleitung sofort ausgeblendet, weil das rechthaberische Erklären einer aus ihrer Sicht falschen Lösung peinlich ist. Nach einer geschlagenen Stunde stellte ich bei 10 000 Franken Gewinnsumme den Apparat aus, schämte mich ob der verschwendeten Zeit und ging zu Bett.
Eigentlich aber hat mich die Sendung gefesselt. Es nimmt mich noch heute wunder, wie das Rätsel ausgegangen wäre.
Es ist ja Mode, Fernsehsendungen zu kritisieren. Dass man die Wetterfeen "vom Dach runterholen" müsse, bringt jeder, der sich witzig vorkommt. Hier aber ist Kritik fehl am Platz.
Denn heute frage mich vielmehr, was ich denn in der Schule gelernt habe. Für mich ergibt 5+5+7+7+9+10+10+10+15+15 das Resultat 93. Ich weiss sogar die Zahlen noch. Und trotzdem war das falsch. Nun vermute ich, dass die Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer in der Schule falsch Rechnen gelernt hat. Vielleicht sagen die Präsentierenden solcher Sendungen unterschwellig zu Recht, das Publikum sei dumm.
Ich werfe meinen ehemaligen Lehrern vor, schlecht ausgebildet worden zu sein, denn die gelernte Mathematik, die man im Leben braucht, ist also genau die, die man im Leben nicht brauchen kann.
Es ist einfach, diesen Quizsendungen vorzuhalten, es ginge ihnen nur ums Geldverdienen. Diese Sendungen zeigen womöglich eher, dass es den Lehrern nur ums Geldverdienen geht. Ich bin sehr enttäuscht vom Bildungsland Schweiz.
Eine Kopie dieses Schreibens geht an: TV 3+, Kantonale Bildungsdirektion Zürich
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WOZ vom 18. 05. 06
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Es ist alles Fussball
Jetzt auch noch in die Hooligandiskussion einstimmen zu wollen, wäre vermessen. Gerade ich, der nicht mal richtig weiss, wie man jemanden zusammenschlägt. Aber Fussball ist auch mein Thema. Es geht zwar eher um diesen Hohlraum, dessen Zentrum Deutschland ist.
Ich habe nämlich schon jetzt fast etwas genug von der WM. Analog dem lustigen Ladentürplakat "Wegen zu geschlossen" muss man sagen, "Wegen Fussball Werbung". Keine Werbung ohne Fussball. Aber es nützt niemandem etwas. Wer weiss, dass Hyundai das offizielle WM-Auto ist? Wahrscheinlich hat Hyundai Millionen investiert, um das offizielle WM-Auto zu sein, aber niemand weiss es.
Als Einwohner der Schweiz wird man hart geprüft, wenn im Nachbarland WM ist. Als in Südkorea WM war, ging es den Nachbarländer in dieser Hinsicht besser: In Nordkorea und China wusste man davon gar nichts und in Japan war ebenfalls WM. Aber WM-Austragungslandanrainerland zu sein, ist eine Qual. Wir haben den ganzen Werbemüll, aber keine Einnahmen.
Es ist alles Fussball. Ich bin Fussball, Du auch.
Zum Beispiel kommt man auf Google bei Eingabe von "Fussball" und irgendwas ... z.B. "Maus" auf eine Seite der "Shop-Maus", wo man das ultimative Fangeschenk kaufen kann. Eine Bierdose mit Fussballrasen. "Einfach Dose öffnen, ans Licht stellen und regelmäßig giessen. Und schon bald wächst das edle Grün!"
Die meinen, Gras verkaufen zu können, weil "Fussball" draufsteht. Gibt man "WM" und "Pfanne" ein, dann kommt der Shop von Gundel Pfannen Walter Metzger Reilingen. Aber so wie die Seite wirkt, meint Walter Metzger nicht, er könne wegen seinem Logo "WM" mehr Umsatz machen.
Walter Metzger ist ein Hoffnungsträger. Er ist noch nicht "auf den Ball gekommen."
Ah, hätte ich ein Restaurant, dann gäbe es Hackbraten "Jürgen Klinsmann" oder Salat "nach Fussballer Art", Fleischkügelchen "vom Balljungen geholt" oder Coupe "Pfosten" mit einer Vanille-Glacekugel mit von Hand draufgeklebten Schoggifünfecken und einer Waffel als Pfosten. Wahrscheinlich gibt es das ja auch alles.
Das österreichische "Forum Gastronomie" gibt allen Wirten "magische Tipps zur optimalen Gestaltung der Fussball WM 2006 für den Gast". „Tipp 2: WM-Party in Ihrem Hotel“: "Italienischer Abend", "Spanische Nacht", "Brasilianischer Tanzworkshop".
Magie pur. Die Bundesregierung hat in Deutschland eine "Nationale Service- und Freundlichkeitskampagne" ausgerufen. Jetzt sind alle so furchtbar freundlich und haben alle Länder lieb. Aber die komischen Länder nicht.
Nicht vorgeschlagen werden "Ecuadorianischer Morgen", "serbischer Mittag" oder "iranisches Abendprogramm". Nicht "Atomprogramm", "Abendprogramm".
Auf der Internetsuche stiess ich in inmitten von „WM-Angeboten“ auf diese tolle Werbung:
„Erfrischen, geniessen und die natürliche Kraft spüren! Mit diesem hochwertigen "WELLNESS-DRINK" von "Arizona Green Tea" aus Kanada erleben Sie gleichzeitig Erfrischung, Genuss und Wellness.“
Zum Glück erlebe ich nicht auch noch Fussball damit.
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WOZ vom 09.11.06
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Ich ritz immer wenn mir faad is
Ich frage mich bei Stadtdurchquerungen, warum die Leute selten Lustiges auf Hausfassaden schreiben. Die Beschriftungsszene ist zwar riesig in Zürich, rekrutiert sich aber vornehmlich aus dem dem Hip-Hop zugewandten Bevölkerungsspektrum. Ich höre gerne guten Hip-Hop, konnte aber mit der Formensprache des Tagging nie was anfangen. Tags sind unverständlich und langweilig. Es soll endlich mal jemand über seinen Schatten springen! Es gäbe so vieles, was man auf Fassaden schreiben könnte!
Zum Beispiel hat in der Nähe meines Arbeitsortes vor Jahren jemand mit weisser Farbe "Furz" auf ein Haus geschrieben. Wenn ich daran vorbeikomme, muss ich heute noch lachen. Niemand scheint den Willen gehabt zu haben, diese Aufschrift zu entfernen. Der Grafittientfernungsspezialist hat vielleicht gesagt, "Das ist ja mal etwas anderes, das ist ja richtig lustig, so was putzen wir nur ungern weg."
Oft sind es politisch Bewegte, die das wenige Erquickliche auf Fassaden anbringen. Hinter dem Manor Winterthur stand jahrelang "Ruth Werren in den Waldeggsee". Ruth Werren ist FDP-Gemeinderätin und der Waldeggsee ein künstliches Seeprojekt der Linken. "Ogi ist schwul" (in der S-Bahn) überzeugte mehr durch die hanebüchene Wortkombination, zumal Ogi schon lange nicht mehr Bundesrat war.
Sogar Vandalismus, sonst eine besonders niederträchtige Form der Egozentrik, kann lustig sein. So sah ich letztes Jahr in Naters bei Brig einen Wegweiserbaum, der die Richtungen der einzelnen Gewerbelokale anzeigte. Auf einem der Wegweiser stand "Arschloch-Shop". Irgend jemand hatte von anderen Wegweisern Klebebuchstaben abgelöst, um dieses Wort schreiben zu können. Ob der Wortkünstler im Streit lag mit dem Inhaber des Geschäftes, wohin der Zeiger zeigte, weiss ich nicht. Dafür kenne ich die Arschlöcherszene Naters zu wenig.
Eine Kitty schreibt in einem Internetforum: "Ihr solltet einmal meinen schultisch sehen. (...) Ich ritz immer wenn mir faad is mit der schere einen strich in den holztisch und mal den strich dann mit tinte an. Mein gaaanzer tisch is voll mit blauen strichen (die nicht mehr weg gehen da sie ja reingeritzt sind)."
Das Gekratze auf Zugfenstern ist ganz erbärmlich, weil man, je nach Lichteinfall, mit verdrehtem Kopf und zugekniffenen Augen hinschauen muss und es dann nicht mal etwas heisst. Und anders als Kitty malen die Kratzfahrer ihre Striche nicht mal mit Tinte an. Dabei gäbe es doch Glasmalfarbe.
Nationalsozialistische Pendler kratzen in die S-Bahn-Scheiben natürlich verkehrtherum stehende oder komplett verdrehte Hakenkreuze. Die Linke wiederum entsendet Korrekturkratzer, welche die Hakenkreuze an den offenen Stellen schliessen, so dass viergeteilte Quadrate entstehen. Solche neutralisierten exHakenkreuze geben einem eine gewisse Hoffnung, wenn man in einem Bushäuschen wartet, auf dem gekrakelt steht: „Dont dream yor Life, live your dreams“.
Autos sind kaum zerkratzt. Sie bleiben eben der Traum jedes Kritzlers. Wer einmal einen Audi besitzt, fährt nicht mehr mit dem Kratzmesser über den Lack, sondern nimmt Hirschleder.
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WOZ vom 19.10.06
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Pjöngjang Hotel
Schon lange fasziniert mich Nordkorea. Ende der Neunzigerjahre erwog ich, mich einer Reisegruppe anzuschliessen. Der ehemalige erotische 10vor10-Sprecher Walter Eggenberger organisierte damals eine Zeit lang Reisen nach Nordkorea. Ich wollte dabei sein, ich wollte die leeren Warenhäuser sehen, das Nachtleben in Pjöngjang (Die offizielle nordkoreanischen Tourismus-Website zeigte damals unter der Zeile «Das Nachtleben in Pjöngjang» einen einzelnen Mann an einem Bartresen). Ich wollte erleben, wie um 22 Uhr in der ganzen Stadt der Strom ausgeht, damit das Volk schlafen kann. Und wie es am Morgen darauf um sechs Uhr mit Sirenengeheul geweckt wird.
Ich empfehle, einmal das Stadion-Massenballett zur Verehrung von Kim Il Sung und Kim Jong Il anzugucken: www.korea-dpr.com/media/. Laden sie dort folgende Datei herunter: «arirangfest.asx». Ab Minute 3:47 beginnt ein grotesker Kindertanz mit Hühnern und darumherum hüpfenden Eiern. Wie rührend und ulkig eine Diktatur doch sein kann. Hitler hätte nie so etwas kindliches aufführen lassen. Die bunten Theatereien in Nordkorea sind insofern seltsam, als das ganze Land ja schon ein Theater zu sein scheint. Die Hauptstadt ist Kulissenschieberei par excellence. Die Betonwände mit ihren zehntausend Fenstern lassen offen, ob da überhaupt jemand drin wohnt. Die Stadt wird vom darniederknienden Volk permanent geputzt, so dass sie blitzsauber ist und scheinbar nur mit Finken betreten werden kann.
Noch nie in der neueren Geschichte hat es ein derart hirngewaschenes Volk gegeben. Denn eine Gesellschaft, in der praktisch kein Mensch mehr lebt, der noch weiss, wie es vorher war, ist sanft gesagt unüblich. Dieses Land hat jetzt also die Atombombe. Ein Wunder, dass der gestörte Führer die Bombe überhaupt im Untergrund explodieren liess und nicht einfach hoch über der Hauptstadt, damit das Volk Seine Weisheit hätte bestaunen können. (Es wäre ja dann alles wieder geputzt worden.) Erstaunlich ist, dass die nordkoreanische Propaganda sich zu der sehr westlich anmuteten Schönredereiwendung «Es ist keine radioaktive Strahlung an die Umwelt abgegeben worden» hinreissen liess, wo ihr das Volk (und dessen Meinung) und die Umwelt doch sowieso schnuppe sind.
Ich schaffe es nie nach Nordkorea. Deshalb weiss ich auch nicht, ob die Untertanen beim Auftritt von Kim Jong Il jeweils andächtig schweigen oder ob sie kreischen. Vielleicht muss man sich das alles so ähnlich vorstellen wie ein Konzert von Tokio Hotel: eine lächerlich aussehende Gestalt fokussiert die Blicke und ist der einzige Inhalt der leeren Menschenseelen. Kim Jong Il, der Frontmann von Pjöngjang Hotel. A propos Hotel: Das grösste Hotel der Welt steht in Pjöngjang. Es ist eine 330 Meter hohe pyramidenförmige Bauruine.
Doch mir wird wohl bald das Spötteln vergehen, denn es gibt hierzulande nicht nur Fans von BR Blocher, des Papstes und Osama Bin Laden, sondern auch Fans der Juche, der nordkoreanischen Staatsideologie, der stalinistisch-sektenhaften Verehrung der Familie Kim. Zumindest im Nachbarland gibt es den «Freundeskreis der Juche-Ideologie in der Kommunistischen Partei Deutschlands». Dass die keinen Spass verstehen, ist ziemlich sicher. Vielleicht gibt es sogar noch die eine oder andere WOZ-LeserIn, die Juche geil findet. Der Link zum deutschen Juche-Club: http://www.kdvr.de. Vielleicht steht dort bald hübsch ausgeschmückt, wann die Welt in die Luft fliegt.
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WOZ vom 24.08.2006
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Die grösste Gang der Schweiz
Es war ein heisser Sommer. Der Herbst steht schon im August vor der Tür und macht ein gequältes Gesicht. Er weiss, dass er zu früh da ist. Ob er schon mal reinkommen dürfe. «Ich friere sonst», sagt der Herbst. «Aber du frierst ja wegen dir selber», sage ich. «Ja, ich werde hart sein», sagt der Herbst. «Hast du dir schon mal überlegt, was diesen Sommer alles passiert ist?», fragt er, und ich weiss genau, worauf er hinauswill. Die Fussball-WM wurde mit Zidanes Kopfstoss gekrönt, dem der Libanonkrieg folgte; nur erkennbar für die vorderste Zuschauerreihe explodierte fast ein schwedisches Atomkraftwerk, die Kapitalnationalen kauften die «Weltwoche», dann war wieder London an der Reihe. Das meiste beschien eine ungewohnt starke Sonne. Und zwischen all diesen Ereignissen turnte die ganze Zeit diese trümmlige Paris Hilton herum.
Dieser Sommer war doch sehr psycho. Ich habe das erste Mal begonnen, am Morgen im Zug die Zeitung nicht mehr zu lesen. Gut, ich habe jetzt einen iPod, und der zieht mich natürlich sehr stark an, etwa so, wie Pluto und Charon einander anziehen, deshalb soll Charon nun nicht mehr Mond, sondern Planet sein.
Gestern Abend im Zug guckte ich in die Overkillzeitung «Heute». Darin hatte es ein Interview mit dem Rapper Coolio, worüber ich mich sehr amüsierte, denn auf die Frage der Interviewerin Nora Hesse, «Erklär mir doch mal ganz genau, was ein Gangsta ist», antwortete Coolio: «Baby, ich bin der coolste Gangsta auf dieser Welt. Wenn du mich anfickst, dann fick ich deine Familie, klar?» Etwas weiter hinten wurde er dann deutlicher und sagte, die Polizisten seien die Gangstas bzw. «dein Präsident ... Oder wie viele Präsidenten hat nochmals die Schweiz?» «Sieben Bundesräte», sagte die Interviewerin. «Genau, diese sieben fucking Präsidenten sind die eigentlichen Polizisten, die grösste Gang der Schweiz.»
Dieses Interview hat Klasse. Ich möchte Frau Hesse von «Heute» dazu gratulieren. Sie hat etwas geschrieben, was noch ein kleines bisschen Kanten hat. Es versprüht eine in diesen Blättern selten vorhandene Ironie. All diese Gangsta-Rapper, Paris Hilton, www.tilllate.ch, der Rest von «Heute» und der ganze andere gesellschaftlich anerkannte, ja erwünschte Schweinekram machen mich krank. Ich schätze, etwa fünfzig Prozent der Inhalte von «20 Minuten» sind darauf abgestimmt, dass man neue Handys kauft und irgendwelche Nummern anruft. Die Bahn fahrende Bevölkerung geht an dem Müll geistig zugrunde.
Oder die von allen protegierte Drogenfasnacht Street Parade. Bin ich komisch, wenn ich es unwürdig finde, wenn fünfzehnjährige Innerschweizer das erste Mal in Zürich sind und in den Notfall geliefert werden, weil sie einen Liter Wodka, fünf Ecstasys und Koks im Kopf haben? Das stört die sieben fucking PräsidentInnen und den Rest der MeinungsmacherInnen überhaupt nicht. Geht es aber um Kiffen und Rauchen, um kleine Drogenfunde an Clubpartys, dann hört der Spass auf. Weil damit kein Geld zu machen ist.
«Siehst du», sagt der Herbst, «das ist alles passiert. Und es wird noch härter.» «Lieber Herbst», sage ich, «ich fick beizeiten zurück.»
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WOZ vom 06. 04. 06
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Kleben fürs Leben
Wieder ist es Paninizeit. Alle machen wie verrückt mit. Sie sammeln Ronaldinho und seine Freunde, um sie zu tauschen und zu handeln. Fast wie professionelle Menschenhändler.
Doch es gibt nicht nur Fussballbildchen. Wer bei der Kioskfrau nachfragt, den nimmt sie gerne nach hinten mit und zeigt, welche weniger bekannten, doch um so sammelnswerteren Klebeserien es gibt. So sieht man Alben und Bilderserien wie „Die Verbrecher der Swissair“ (ca. 25 Bildchen), „Metzgerweltmeisterschaft 2006 San Sebastian“ (300 Bildchen, teilweise mit echten Wurstaufschnitten zum Einkleben), „Die letzten Raucher der Schweiz“ (ca. 7-10 Bildchen) oder dicke Wälzer wie „Die Birnen der alten Zürcher Weihnachtsbeleuchtung“ (20 000 Bildchen) oder „Die Schwellen des Schweizer Bahnnetzes“ (ca. 18 Millionen Bildchen).
Aber Klebebildchen sind nicht nur Spielerei. Das oftmals erstaunliche Fachwissen von Jugendlichen über Fussballstars gründet meiner Meinung nach auf den Panini-Fussballbildchen. Der sinnliche Akt des Einklebens unterstützt die Aufnahme der Informationen auf den Bildchen.
Es ist eigentlich kaum zu glauben, dass Erziehungsfachleute dies noch nicht erkannt haben und haufenweise teure Armeen von Computergeräten in die Schulzimmer entsenden. Bildchen,z.B. auf Briefmarkenpapier, würden einen Bruchteil davon kosten, der Unterricht könnte auch bei Stromausfall weitergehen und statt „Herr Lehrer, Sie können mich am Arsch lecken“ würden die Schüler „Herr Lehrer, haben Sie noch mehr Leckereien für unseren Bildungshunger?" rufen.
So wenig ich meine Theorie wissenschaftlich beweisen kann, so wenig können mir die Pädagogen vorwerfen, ich stimme in den allgemeinen Jammergesang gegen Computerunterricht ein. Natürlich sage ich auch, Computer im Schulzimmer sind ein Käse sondergleichen. Aber ich liefere eine ganz klare Alternative mit. Und zwar mit meiner Schule, die ich vor ein paar Jahren gegründet habe und von deren Existenz nicht mal die was wissen, die mich kennen.
Das abschleckbare Klebebildchen ist der pädagogische Grundpfeiler im Leitbild der Rudolf-Widmer-Schulen. Ich habe es nur noch niemandem ausdrücklich gesagt. Gute Pädagogik soll nicht bewusst wahrgenommen werden. So ist es für die Schülerinnen und Schüler seit Jahren normal, neue Französisch-Wörtchen, römische Kaiser, Primzahlen oder goldene Schnitte in ihre Lehrmittel einzukleben. Was geklebt wird, bleibt haften, heisst es in den Grundlagen meiner Schule.
Die Kinder können sich alles merken, was sie kleben. In der Zeit während sie kleben, können sie nicht schwatzen und schon gar nicht Schleckwaren verzehren. Wer in Rudolf-Widmer-Schulen auf dem Gang hin- und hergeht, der hört nichts ausser den Schmatzlauten der Klebekinder aus den Schulzimmern. Natürlich gibt es auch Gewalt an meinen Schulen. Die wird aber weniger mit Messern als mit Leim begangen. Wie oft hat ein Kind schon auf dem Schulareal übernachten müssen, weil es von bösen Mitschülern an die Turnhalle geklebt worden ist.
Ein Kind, dass meine Schule abschliesst, hat etwa 25 000 Bildchen eingeklebt. Mit diesem Wissen ist es gerüstet für das Leben in einer Welt, die leider den Wert des Klebens nicht erkennt.
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WOZ vom 09. 03. 06
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Schlecht aufgelöst
Mit glänzenden Augen wie ein Kind an Weihnachten lud ich letzte Woche GoogleEarth herunter, jetzt endlich auch für Mac erhältlich. Auspacken konnte ich es nicht, es packt sich selber aus und installiert die Welt wie von Gottes Hand auf den Computer.
GoogleEarth ist ein Weltwunder. Stundenlang fuhr ich auf den 3D- Satellitenbildern Reisen ab, setzte mich an den Kraterrand des Popocateptl, an die Gestade des Pazifiks, in die Schluchten Manhattans, ins Toggenburg, in die Sahara. Besonders aufregend ist es, in Pjöngjang verstohlen in den Strassen des bösen Kim Jong Il herumzuschleichen oder in Washington vor das Weisse Haus zu sitzen und ein jpg mit dem Satz "Bush, Du alte Schnepfe" darüberzuhalten.
Wird GoogleEarth unser Bewusstsein für die Fragilität der globalen Welt stärken, so ähnlich wie es den Apollo-Astronauten gegangen sein soll beim Anblick des sich vor dem Tiefschwarz des Alls drehenden Erdballs? Oder führt GoogleEarth zu einem digitalen Kolonialismus, zu einer aufgrund fehlender (sichtbaren) Industrieanlagen in Ländern der dritten Welt begründeten Welle der Überheblichkeit der ersten Welt?
Mir ist es noch anders ergangen. Warum ist das Satellitenbild von Winterthur, wo ich herkomme, derart schlecht aufgelöst? Sind wir etwa weniger wertvoll als die blöden Zürcher mit ihrer High-End-Stadtlandschaft? Wer bestimmt, wo wie aufgelöst wird? Ist da, wo hoch aufgelöst ist, mehr Geld vorhanden? Ist, wer schlecht aufgelöst ist, weg vom Fenster?
Wenn das Google-Hauptquartier wie geplant seine Zelte in Zürich aufschlagen wird, werden dann auf dem Platz davor Vertreter von Omsk, Wiesendangen, Huaibei, Hammam-al-Alif, Ullensaker/Kisa und vom Monte Urculu gegen ihre schlechte Auflösung demonstrieren?
Von Zürich aus geschickt wurde, Themenwechsel, auch die Karte der jungen und unkomplizierten Krankenkasse ÖKK, die letzte Woche im Briefkasten eines von seinem Geburtstag heimgesuchten Freundes von mir lag. "Happy Birthday Florian" stand in Rahmbläserschrift auf einer Torte. Auf der Rückseite wurde der liebe Florian vom Verkaufs- und Agenturleiter Kägi beglückwünscht, der ihm zudem empfahl, den Tag mit der Familie und Freunden zu feiern, "bis sich die Balken biegen". Das ist, ich bin mit der Druckbranche vertraut, nun das Resultat der personalisierten digitalen Druckkunst. Der Beglückwünschte erregte sich sichtlich über diese Karte und ich beruhigte ihn insofern, als ich berichtete, bei meinem Geburtstag eine SMS-Nachricht mit Glückwünschen meines Telefonanbieters erhalten zu haben, was ja noch viel ungehobelter sei, denn das koste den Absender ja nicht mal was.
So werden also Florian und ich vor den Hauptquartieren der ÖKK und von Orange zusammen mit Vertreterinnen aus Kölliken, Hunzenschwil, St. Gallen-Haggen, Lustmühle und Pfungen gegen automatische Beglückwünschungen demonstrieren und uns am Paradeplatz mit den schlecht aufgelösten TeilnehmerInnen der Google-Demonstration vereinigen, um gemeinsam gegen den Missbrauch digitaler Möglichkeiten zu protestieren. Diese Demo wird von der Polizei schlecht aufgelöst werden können!
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WOZ vom 05. 01. 06
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Der Traum von Gott
Letzte Woche träumte ich sehr stark. Im Traum sagte mir jemand, ich sei "in der Schweiz", das sei das Innere. Vor Jahren hatte ich schon einmal einen solchen Traum, in dem die USA ein Fuchsbau waren. Ich befand mich in New York, das auch im Boden war, grosse Höhlengänge führten ins Landesinnere. Wenn man genau hinhöre, dann seien Geräusche aus Kalifornien zu vernehmen, sagte ein Instruktor. Tatsächlich hallte ein fernes Dröhnen und Ächzen aus den Höhlengängen. Es war sehr unheimlich wie in einer Geisterbahn. Dann erwachte ich.
Und nun befand ich mich also in der Schweiz. Es war blendend hell, und rundherum war gleissend roter Spannteppich ausgelegt. Es war ein wenig wie in einer Blutbahn. Man müsse eine Schutzbrille tragen, sagte ein Physiker. Nach einer Weile Wandern (in Finken) wurde es wieder etwas angenehmer und Stimmen ertönten. Ich lief auf einmal mitten ins neue Bundesratsfoto hinein. Das grosse Schweizerkreuz war von hinten gestützt und mit viel Klebband gesichert. Das Fototeam fuchtelte und rief, "He, weg da, wir haben fast keine Zeit". Es war mir peinlich. Aber Bundespräsident Leuenberger kam auf mich zu und sagte: "Wir waren sowieso grad ... äh... fertig. Ich bin übrigens der Mo...äh...ritz. Wissen Sie, in einem Bundesratsfoto darf man schneller Duzis machen, als in Wirklichkeit." Ich konnte ihn nicht mehr fragen, weshalb er mit mir Duzis machte, mich aber mit "Sie" ansprach, weil ich erwachte.
Nun, was sollte mir dieser Traum sagen? Wahrscheinlich überhaupt nichts, denn ich hatte vor dem Einschlafen noch dieses Bundesratsfoto in der NZZ am Sonntag betrachtet und am Abend im Radio ein Interview mit Bundespräsident Leuenberger gehört. Nun hätte ich ja in dieser Kolumne die Freiheit, den Traum auszuschmücken, ihn noch verrückter zu machen. Meinen Traum kennt ja niemand. Es ist kaum so, dass mich meine Arbeitskollegen am nächsten Tag beim Kaffee fragen, he, hast Du diesen irren Traum mit Leuenberger heute morgen auch gesehen, er kam glaub auf dem Fünfzehni. Nein. Ich erzähle ihn so, wie ich ihn empfangen habe. Träume sind eines jener Wunder, für die ich die Evolution so bewundere.
Hätte Gott die Welt nämlich in nur sieben Tagen erschaffen, wie uns die Intelligent Designer weismachen wollen, dann hätte er nur Zeit gehabt, um vielleicht etwa 22 bis 23 Einheitsträume zu erschaffen, die wir alle miteinander teilen müssten. Aber nein, die Menschheit hat jeden Tag Milliarden von individuellen Träumen. Es hat zugegebenermassen auch wirklich schlechte und lieblose darunter, die ausser Ingrid Deltenre jede Fernsehdirektorin aus dem Programm werfen würde. Aber die Träume sind doch ein Wunder der Natur, die sich permanent neu erfindet. Das ist Gott. Ein fantastischer Fernsehsender rund um die Uhr. Die Intelligent Designer glauben im Prinzip an einen faulen Gott, der nur mal sieben Tage arbeiten war und jetzt an der Sonne liegt. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass Gott an den Gehirnen dieser Verrückten tatsächlich nur etwa sieben Tage gearbeitet hat.
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WOZ vom 06. 10. 05
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Fertig getafelt
Letzte Woche habe ich von einer Freundin gehört, die am Abstimmungswochenende so richtig echt in einem Schulhaus abstimmen gegangen ist, Schulhäuser schmeckten zwar immer noch so wie früher, aber in diesem gäbe es keine Wandtafeln mehr in den Schulzimmern, sondern nur noch Beamer.
Ich fragte mich: Was ist wohl mit diesen grossen Zirkeln aus meiner eigenen Schulzeit passiert, mit denen der Lehrer mittels drei Saugnäpfen an der Tafel ansetzte und quietschend einen für damalige Verhältnisse weltumspannenden Kreidebogen zog?
Ebenso dahin sind die Scherzfunktionen von Wandtafeln: Knallschnüre, die explodieren, wenn der Lehrer die Tafel umklappt oder die konspirativ vor dem Unterricht applizierten Schmierereien, die plötzlich dahinter erscheinen. Alles im Wandtafelmuseum? Die Scherzfunktionen eines Beamers beschränken sich einzig auf das Abschalten des Geräts in einem unbeobachteten Moment. Das ist doch nicht lustig.
Es wird nichts ausgelassen, um die Schülerschaft mit Hochtechnologie und Zeitgeist an den Unterricht zu fesseln. Im Schulhaus Gurrenweid wurde vor kurzem das Pilotprojekt "MobileEducation4u" gestartet, das auf Handykommunikation setzt. Alle Kinder drücken im Unterricht ständig ihr Telefon ans Ohr, der Lehrer selber hat ein Superhandy mit ganz vielen Knöpfen. Weiss Schülerin Laura zu einer Frage, die sie am Telefon gehört hat, die richtige Antwort, ruft sie den Lehrer am Pult an. Liegt sie richtig, kommt ein automatisches Bestätigungs-SMS zurück. Wenn die Antwort besonders engagiert ist, ruft der Lehrer sie sogar extra an und schickt hinterher noch die Funbilder "Harry Potter", "Love" und "Sunset". Die Schulleitung verspricht sich vom Handyunterricht eine Konzentrationssteigerung, ausserdem seien die Kinder ständig besetzt, was störende externe Anrufe in die Schulstube verunmögliche.
Schwieriger wird es im Turnen, da man hier beide Hände braucht. Die Lehrerschaft protestierte bei der Schulleitung, weil die jungen Menschen einhändig an den Ringen hängend keine besonders grazilen Vorführungen zustande brachten. Neu haben die Schülerinnen Ohrhörer, die dafür beim Herumrennen und Alle-gegen-alle ständig herausfallen.
Alder & Eisenhut ade. Die Schwedenkästen sind jetzt von Ericsson und die Finnenbahnen von Nokia. Es gibt keinen Abwart mehr, der das alles repariert, sondern eine Telefonnummer am Mattenwagen, wo man einen Servicetechniker anrufen kann, der gar nicht existiert.
Statt dem Klassenfotografen kommt ab und zu ein hyperaktives Girl vorbei, das die heissesten Unterrichtsszenen für www.tilllate.ch und 20Minuten fötelet. Nach der Verkehrskunde darf der Verkehrspolizist zusammengeschlagen werden.
Wo ist da für einen Schüler der achtziger Jahre der einleuchtende Vorteil dieser neuen Unterrichtsform? Es gibt ihn: Die Streber, die kurz vor Schulschluss eine überflüssige Frage stellten, die von der Lehrerin über die reguläre Unterrichtszeit beantwortet werden musste, können diesen Unsinn nun von Zuhause aus via SMS erledigen.
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WOZ vom 03.12.05
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Der Kampf beginnt im Thurgau
Ich habe kürzlich den letzten Intercity von St. Gallen nach Winterthur verpasst. Nette Leute verwiesen mich auf eine noch spätere Verbindung, die bei Anfrage an das Computergehirn der Bundesbahnen auf den LCD-Displays ihrer Handys erschien. Kein Mensch würde diese Verbindung kennen oder als sinnvoll betrachten, das können nur Computer. Denn man muss einen grossen Umweg fahren, einmal umsteigen, und die ganze Fahrt dauert eindreiviertel Stunden.
Betrunken (es war ein Fest in St. Gallen) bestieg ich einen Südostbahn-Zug nach Romanshorn, der zum Beispiel in Roggwil-Berg und in Häggenschwil-Winden hielt und niemanden einstiegen liess, weil auch niemand da war. Irritiert stellte ich auf dem Streckenplan auf dem Fenstertischli eine Nordwärtsbewegung fest, wo man doch als Winterthurer eigentlich nach Westen fahren sollte. In Romanshorn wartete dann der Zug der Thurbo nach Winterthur. Im Stockdunkeln fuhr ich mutterseelenallein durch eine mir absolut unvertraute Landschaft. Mit Müllheim-Wigoltingen oder Hüttlingen-Mettendorf waren die unbenützten Bahnhofsgebäude angeschrieben, neben denen der Zug kurz bremste, sehr rudimentär und gelangweilt.
Bei Felben-Wellhausen bekam ich das erste Mal etwas Angst. Es waren sogar zwei Ängste nebeneinander, eine Doppelspurangst, die linke war diejenige, die einem beschleicht, wenn man sich in einer fremden Stadt verirrt, die rechte war sehr existentiell. Es ist dieses Angstgefühl um Vergänglichkeit und Tod, das man manchmal hat, wenn man in der Nacht aufwacht. Ungeachtet der wohl richtigen Annahme, dass die Stationen hier tagsüber von vielen Bürgerinnen und Bürgern geschätzt und benützt werden, wo ihre Kinder morgens den Zug nach Frauenfeld in die Kantonsschule besteigen, und trotz des Wissens um die Anstrengungen einiger Herrschaften Gemeinderäte, damit der Bahnhof im Dorf bleibt, löste die Begegnung mit diesen Stationen Unbehagen aus. Ich dachte, wenn das die Neoliberalen sähen. Die Bahnhöfe wirkten im leichten Schein des Mondes wie Ruinen, es wucherte Gras drum herum, im Dunkeln hatte man gar den Eindruck, die Fensterhöhlen enthielten keine Fensterscheiben mehr. Ich fand, das Land verrecke jetzt dann sofort, und zwar hier im Thurgau, in dieser Mondnacht. Irgendwo beginnt es, wie beim Stromausfall. Wenn Blocher jetzt UVEK-Chef wäre und hier um diese Zeit durchfahren würde, dann wäre am nächsten Tag kein Zug mehr auf den Gleisen.
Jetzt stehts in der Zeitung, wir können das ja nicht geheim halten, ich habe es jetzt praktisch verraten. Ich bitte die Leute von Felben-Wellhausen, täglich den Zug zu nehmen. Machen Sie Sport. Nehmen Sie das Velo zum Bahnhof und fahren Sie mit dem Thurbo-Zug. Der Zug ist ganz neu, sauber und ein Schweizer Produkt von Stadler Rail. Erhalten Sie die Schweiz. Legen Sie Ihre hässlichen Audis mit dem bösen Gesicht und ihre SUV-Hyundais still.
Ich bin dem Computergehirn der SBB dankbar. Computer können nicht nur rationalisieren, sondern dank ihrer Beschränktheit auch erkenntnisreiche Wege weisen.
Wir werden, wenn auch immer, für dieses Bahnnetz kämpfen.
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WOZ vom 03. 09. 05
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Schau durch das Fenster
Diese Woche ist mir beim Spaziergang durch die Stadt wieder mal aufgefallen, wie viele hässliche Schaufenster es gibt. Bei manchen hat man gar den Eindruck, das Geschäftslokal sei um 180 Grad gedreht worden und man blicke durch die Glaswand direkt in die Gerümpelkammer. Äste (Herbst), Tiere [Mäuse, Eulen (Eulen sind übrigens auch Vögel und sind gleich zu behandeln wie Hühner; Hühnerbildnisse und Hühnerpuppen werden ja momentan vermieden], Bärli, Säuli etc.), fürchterlich geschriebene Schilder, dazwischen eine Armada von Gegenständen, von denen man nicht weiss, ob sie im Laden drin erhältlich sind oder einfach so herumstehen.
Auch in der Bar, wo man sich vom Schaufensterüberdruss erholt, hat die junge Angestellte die erhältlichen Drinks auf eine Tafel geschrieben, in überrunder Meitlischrift und 17 verschiedenen Farben. Der Titel "Coole Drinks" ist in einer Heavy-Metal-Schrift, so wie "Slayer". Es sieht aus wie in einem Poesiealbum aus der fünften Klasse. Die ältere Chefin hat wohl zur jungen Serviertochter gesagt: So, Du bist jung und kreativ, Du darfst die Getränketafel gestalten, und so bringen wir auch wieder junge Leute in unsere Bar.
Es ist dann nicht etwa so, dass ich einfach ablästere über diese Kreativschübe von optisch nicht so begabten Leuten. Vielmehr denke ich jeweils: jetzt hat das so viel Arbeit gegeben und sieht so grässlich aus. Oft ist das Grässliche handwerklich sogar sauber ausgeführt. Ich habe dann Mitleid, weil ich grundsätzlich sogar Sympathie für diese Angestellten hege. Ich schäme mich dann für meinen Zynismus.
Im Gegensatz dazu steht nämlich Corporate Design. Hat man denn den Eindruck, ein neuer BMW 5er sei von Menschenhand gemacht? Natürlich hantieren da Roboter dran herum, aber vieles wird auch von Montageleuten zusammengebaut. Und zwar solchen, die sich ziemlich abrackern. Diese Arbeit wird durch Corporate Design unsichtbar gemacht. Gewissermassen entmenschlicht. Es sieht alles perfekt aus.
Büroangestellte vegetieren vor Computern, wo sie in vorgestalteten Tools mit der Hausschrift langweilige Briefe hineintippen. Wenn einer eine andere Schrift nimmt, muss er zum Chef.
Man stelle sich vor, wie es wäre, wenn der BMW-Chef Helmut Panke der Produktionsstrasse entlangschreiten und väterlich zu einem Lehrling sagen würde, so Sven, Du bist jung und kreativ, Du darfst jetzt die drei nächsten Wagen gestalten. Der Sven würde zum Silberstift greifen und auf die Ledersitze der Wagen 718 bis 720 schräg "BMW Power" schreiben, in einer Schrift wie auf einer 2Pac-Platte. Hinten würde er gross "Bayern München" anbringen und weil er so stolz auf alles wäre, dürften seine Kollegen noch ein paar Tags draufwriten. Auf die Motorhaube würde er in zweistündiger Freizeitarbeit mit Hilfe des Lineals noch einen zehnzackigen Blitz zeichnen und ihn sorgfältig ausmalen.
Sven wäre garantiert ein zufriedenerer Angestellter, einer der das Gefühl hätte, er werde gebraucht.
Es ist deshalb beruhigend, dass es noch so viele hässliche Schaufenster gibt.
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WOZ vom 08. 09. 2005
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Das "Für" ist für die Verstaubten
"Bei Kindern geizen ist nicht geil!", schreibt die immer flippigere CVP auf den Plakaten für die Initiative zur Verdoppelung des Steuerabzugs für Kinder im Kanton Zürich. Das stimmt natürlich schon. Aber sollte eine Partei einen Werbespruch der deutschen Elektronik-Discounterkette Saturn weiterspinnen, der ausser Moralaposteln und Werber hierzulande kaum jemand mitbekommen hat? Vor allem dann, wenn sie ihn noch so adaptiert, dass man sich unweigerlich fragt, wie Geizen denn bei anderen Dingen als Kindern ist. Findet die CVP Geizen zum Beispiel bei Hunden, Bonbons, Socken, Vogelhäuschen oder Pfannen etwa geil? Diese Partei hätte bei vielen sogar eine gewisse Sympathie, wenn sie nicht so angstjugendlich tun würde.
Angstjugendlich habe ich soeben erfunden, aber es scheint mir ein gutes Wort zu sein für das verbreitete und von purer Furcht angetriebene Bestreben, nicht altmodisch oder verstaubt zu wirken. Oh, kommt, wir schreiben "geil", das ist cool und Balsam für das politikverdrossene Volk. Geilheit als Haltung. "Ich muss nur sagen, es sei geil, dass ich in New Orleans etwas langsamer als auch schon geholfen habe. Das wirkt locker und nicht so verbissen", sagte sich vielleicht auch George W. Bush. Ob aber die Hilfe in New Orleans unter dem neuen Zürcher CVP-Stadtratskandidaten Gerold Lauber, der laut Wahlwerbung "wetterfest" ist, besser funktioniert hätte, ist auch nicht sicher. Irgend etwas muss man ja auf Wahlplakate schreiben.
Da ist mir Ueli Maurer weit lieber, der in der SF-DRS-Sendung "Rätpäck" vom letzten Sonntag sichtlich widerwillig bei einem Tanz mit in Maus- und Hasenanzügen steckenden Komikern mitmachte. Er hüpfte zwar mit, aber seine Miene sagte: das ist jetzt ein Fehler. Das Mitmachen war für unseren Spass, die Miene für seine persönliche Ehre. Ein geiler CVP-Politiker hätte total begeistert mitgetanzt und sich anschliessend auf die Schulter geklopft, dass ihm der Staub der Verstaubung nur so um die Ohren geflogen wäre.
Einen Entstaubungsversuch in der Kategorie "Brücken" unternahm die Stadt Zürich mit dem neuen Fussgängersteg über die Limmat beim Escher-Wyss-Platz. Eine Brücke muss nicht immer so langweilig zum auf den Fluss hinunterschauen sein, raunte es aus der Kreativstube. Also erdachten sich die Designer einen Kanal, dessen überhohe Seitenwände mit kleinen Käselöchern gespickt sind. Vermutlich ist noch nie jemand über diesen Steg gegangen, der fand: "Toll, dass man hier nicht runtersieht. Flüsse angucken ist sowieso anrüchig seit dem Hochwasser."
Auch unverstaubt sollte der Name des Schulen-ans-Internet-Programms der Stadt Zürich sein. Es heisst im Ernst "KITS für Kids". Es heisst nicht etwa "KITS for Kids", das wäre dann den Verstaubtesten etwas zu englisch gewesen. Also bekamen sie das "für". Das "Kids" war natürlich gesetzt. Denn "Kinder" ist ein Schoggimarke und überdies kein Sponsor dieser Aktion. Was KITS heisst, entzieht sich meiner verstaubten Kenntnis.
Die CVP, und da ist sie angenehm verstaubt, schreibt "Kinder" und nicht "Kids" auf ihrem Plakat.
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WOZ vom 09. 02. 06
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Höllische Mondwitze
Wenn man von der nervösen Welt genug hat, dann kann man entweder die hervorragende und für alle Altersklassen verständliche Webseite fun.sdinet.de/flash/games/metelev1_01.swf besuchen und virtuell einen Personalcomputer zusammenschlagen. Oder man kann, wenn der Nebel sich lichtet und der Feinstaub ins Vergessen entschwindet, zum Mond hochschauen. Der Mond hat eine äusserst entspannende Wirkung auf mich. Nicht umsonst hat er die Form einer Beruhigungspille.
Andere sollen ja unter dem Mond leiden. Ich nicht. Mondsucht kenne ich nicht, ich bin auch nicht anfällig auf Flut und Ebbe. Der Mond ist für mich einfach gut. Denn der Mond hat Stil. Er ist geduldig, lädt keine doofen Klingeltöne herunter und ist auch nie erkältet und niest auf die Erde nieder. Da gelten klare Regeln, und es gibt keinen Zoff. Auf der Erde ist alles im Fluss, man findet kaum mehr ruhige Plätze. Gerade für mich als Cartoonzeichner ist das Leben ungemütlich geworden hier. Man gerät unter Generalverdacht. Die Leute halten sich fern, in einer Zeit, in der der Weltfrieden von Cartoonisten abhängt.
Vorletzten Dienstag kam ein Prüfer der ICCA (International Cartoon Control Agency) in meinem Atelier vorbei. Er begutachtete sämtliche Zeichnungen und durchsuchte meine Festplatte auf «die Diplomatie verstimmende» oder militärische Witze. Generell seien nur zivile Cartoons erlaubt. Ich fürchtete, dass er den staubigen Computer in der Ecke anschalten würde, auf dem die heiklen Sachen gespeichert sind. Er ist zwar alt, im Innern aber total aufgerüstet. Würde das auffliegen, es käme wohl sogleich ein Trupp vorbei, der das Gerät so zurichtete wie jenes auf oben erwähnter Webseite. Ich konnte mit dieser Angst nicht mehr leben, denn der Prüfer warf seine Stirn schon in Falten, wenn in einem Cartoon die Wörter «Doris Leuthard» vorkamen. Ich wurde gezwungen, neue Wege zu beschreiten.
Ich schaute auf dem Internet, wie die Presselandschaft auf dem Mond aussieht: Es erscheinen nur zwei Zeitungen: «Moon Observer» und «Der Mond». Letztere suchte einen Karikaturisten. «Wenn Sie aus nichts etwas machen können, sind Sie bei uns willkommen. Es lacht zwar niemand, es wird aber auch niemand wütend», war die gewinnende Aussage des Inserats. Das ist doch wunderbar! Ich rief der Mondzeitung an, und was sie sagte, war Musik in meinen Ohren: Nur wochenweise geschähe überhaupt etwas. In dieser Zeit reichten einfache, immer gleiche Witze über Stäubchen und Steine, aufgehende und untergehende Erdkugeln, Fussabdrücke und Apollofahnen. Aber Achtung: Wenn nun plötzlich ein Meteoritenstäubchen auf den Stein 2839103 E im Mare Marginis falle, dann sei in der Mondzeitung die Hölle los, Kommentare und Analysen erschienen gleich seitenweise. Und da brauche es halt auch einen «anspruchsvollen Cartoon» mit dem Stein 2839103 E.
Ich habe die Stelle bekommen und werde deswegen der WOZ adieu sagen müssen. Ich bin richtig erleichtert, abhauen zu können, bevor die ersten KarikaturistInnen vor den UN-Sicherheitsrat gezerrt werden.
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