Ausschluss der Gescheiten

Wichtig zu wissen
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WOZ Die Wochenzeitung vom 07 Okt 2010

Ruedi Widmer über das Ausfüllen von Stimmzetteln und Fruststimmen

Kurz nach dem Ja zur Revision der Arbeitslosenversicherung schrieb eine Freundin als Facebook-Statusmeldung, sie habe Post bekommen - mit den von ihr selbst ausgefüllten Stimmzetteln.

Nun ist es so, dass auch ich schon zweimal Abstimmungen ferngeblieben bin, weil ich ebenfalls bei der brieflichen Stimmabgabe den Stimmrechtsausweis mit meiner Adresse auf der einen und der Adresse der Gemeinde­verwaltung auf der anderen Seite verkehrt herum ins Couvert gesteckt habe, sodass im Fenster meine eigene Adresse erschien und der Pöstler meine Stimme naturgemäss an mich zurück- statt ans Stimmbüro schickte. Sie traf just am Samstag vor dem Abstimmungssonntag wieder bei mir ein, und ich hatte ja deswegen brieflich gestimmt, weil ich übers Wochenende wegfuhr.

Besagte Freundin gehört zu den gescheitesten Personen in meinem Bekanntenkreis, und ich bin auch nicht die Art von dummem Mensch, wie er Thilo Sarrazin beim Schreiben seines Buchs als Totengräber der Demokratie vorschwebte.

Dieser Befund wirft eine Frage auf: Ist es möglich, dass dümmere Menschen ihre Stimmzettel zuverlässiger in die Urnen unseres demokratischen Staatswesens bringen als gescheitere? Verbeissen sich gescheitere Menschen weniger in die demokratische Machtausübung als eher einfach funktionierende Fruststimmer, weil sie noch anderen Interessen und Leidenschaften wie Philosophie, Musik, Literatur oder Kunst nachgehen, und nach dem intellektuellen Akt des Stimmzettelausfüllens beim vermeintlich anspruchlosen Einstecken des Stimmrechtsausweises und Zukleben des Couverts bereits wieder an Hegel oder Frida Kahlo denken? Und dabei den Zettel verkehrt hineinstecken? Haben wir deshalb einen solch erbärmlichen Zustand in Bern oben, weil die Mehrheit der gescheiten Leute unfreiwillig gar nicht an den Abstimmungen teilnimmt und zu Hause später peinlich berührt beim Lauschen von Mozarts Requiem in d-Moll ihre zurückerhaltenen Stimmcouverts sang- und klanglos in den Abfallkübel wirft?

Man erschrak ja schon, als das Radio vermeldete, die Stimmbeteiligung sei bei tiefen 33 Prozent gelegen.
Da fehlten doch genau die Stimmen derjenigen Bürgerinnen, die sich beim Einstecken des Stimmrechtsausweis und Zukleben des Stimmcouverts bereits wieder gedanklich dem Studium der thermodynamischen Eigenschaften von periodisch kontrollierten Quantensystemen zugewandt hatten.

Die Stimmenauszählung müsste auf der Post stattfinden, wo die falsch adressierten Stimmcouverts landen, bevor sie wieder an die beim Einstecken des Stimmrechtsausweises in Bret Easton Ellis «Imperial Bedrooms» vertieften gescheiten Bürger zurückgeschickt werden. So unrealistisch wäre das gar nicht. Die Post hat sich in den vergangenen Jahren ja bereits auf mehreren Gebieten hervorgetan, die nichts mit ihrem Auftrag zu tun haben, wie dem Verkauf von Computern und Schleckstängeln oder der Austragung von Käsedegustationen und Wasserbettolympiaden. Das sind ja meist Angebote, die eher für die dummen Bürger gedacht sind. Nun könnte die Post mit der Übernahme der Stimmenauszählung auch einmal etwas für die gescheite und deswegen oft gedanklich andernorts beschäftigte Bürgerin machen.

Dann wäre es auch nicht weiter schlimm, wenn die Ballettfreundin zu «La Sylphide» von Jean Schneitzhoeffer den Stimmrechtsausweis aus Versehen verkehrt herum ins Couvert stecken würde, weil sie beim Pirouettentanzen durch die Wohnung die Augen geschlossen hält. Ihre Stimme würde trotzdem registriert. Und die Schweiz wäre ein besseres Land.
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Ruedi Widmer klebt in Winterthur und nur noch selten Couverts zu.